Kultur

Schauspiel Milan Peschel versucht sich am Theater Heidelberg heftig an der Wiederbelebung des Boulevard-Klassikers „Arsen und Spitzenhäubchen“

Resolute Tanten mit geladenen Knarren

Manche Geschichten sind so absurd, dass wir ihnen keine Glaubwürdigkeit zumessen, sie wie selbstverständlich in das Reich der Fantasie verweisen. Das Theater macht hier keine Ausnahme. Joseph Kesselrings puritanisch angestaubte Komödie „Arsen und Spitzenhäubchen“ um zwei schrullige alte Damen, die sich zwischen Häkeln, Einkochen und Teegesellschaften als Serienmörderinnen betätigen, beruht – man mag es kaum glauben – auf einer wahren Geschichte. „Sister Amy“ (1869-1962) heißt das historische Vorbild, das Kesselring theatralisch doppelte: aus Amy wurden die Schwestern Martha und Abby Brewster, aus sechs auf der Bühne zwölf Leichen.

In Heidelberg nahm sich Milan Peschel der ollen Kamelle mit Berliner Volksbühneninbrunst an, um eine Lanze für den Boulevard und die Komödie zu brechen. Sein eigenes und das dortige Instrumentarium soll die Theaterleiche aus den 1940er Jahren wiederbeleben. Doch trotz Herbert Fritschs Geschwindigkeit, René Polleschs intellektuellem Meta-Geschwafel und Frank Castorfs Hau-drauf bleibt dieser Reanimierungskandidat vor allem eines: mausetot.

Komödie wechselt zur Meta-Ebene

Milan Peschel leistet an diesem Abend aber anderes. Als kundiger Handwerker seines Faches zeigt er im Marguerre-Saal, wie der Abend funktioniert haben würde, hätte man all die Schauspielmechanismen zugelassen, die im Werkzeugkasten für Komödien vorgesehen sind: Running-Gag, Slapstick, Travestie, Umständlichkeit, Wiederholung, Mundart, Überzeichnung, Missverständnis, Versprecher … Ein (mit zweieinhalb pausenlosen Stunden unverschämt langer) Abend über die Wirkweisen des Theaters ist es geworden, der uns nicht unklug, aber auf sehr anstrengende Weise erklärt, was wir schon wissen.

Elf Ensemblemitgliedern obliegt es, die schwierige Aufgabe zu erfüllen, als Profi gut so zu tun, als täte man das Erlernte unabsichtlich schlecht. Beispiele gefällig? Die Entsorgung der Leichenpuppen gerät so freiwillig komisch, dass sie nur noch Slapstick-Persiflage ist. Unter der Mütze verwahrte Legosteine purzeln so oft aus grüßend gelüpften Polizistenmützen, dass man nicht mehr amüsiert, sondern genervt ist. Ja, so blöd ist Komödie, seht her, was ihr Albernheitsfanatiker lustig findet.

Die persiflierte amerikanische Unsitte des eingespielten Studioapplaus’ darf ebenso wenig fehlen wie die überzeichnet doofen Polizisten Tick, Trick und Track (Dominik Lindhorst-Apfelthaler, Raphael Gehrmann und Marco Albrecht). Mit viktorianischer Schauerromantik spielt das großartige Bühnenbild von Nicole Timm, die auch für die (traditionellen) Kostüme verantwortlich zeichnet.

Anspielungen und Hosenrollen

Mit cineastischen wie musikalischen Anspielungen auf Tarantino, das „Haus Usher“ Edgar Allen Poes, den Grusellandsitz Manderley („Rebecca“), Bates Motel („Psycho“) oder Gangsterfilme spielen die USA sowie die Entstehungszeit eine große Rolle. Zweiter Weltkrieg, deutsch-jüdische Vergangenheit, Kesselring-Biographie, politisch Aktuelles, Hausinternes und Theaterwissenschaftliches werden solange zu einem übersättigten Amalgam verknetet, bis das Stück auf der Strecke bleibt. Laut lachen können da lediglich die im Zuschauerraum sitzenden Schauspielkollegen der Akteure.

Die mörderischen Brewster-Schwestern werden von Andreas Seifert (Abby) und Olaf Weißenberg (Martha) im Spitzenkrägelchen aber ohne Perücke gespielt („Deine Tanten sind zwei reizende Burschen!“), wie gesagt, die Mittel sind transparent gestaltet. Offen passiert der Umbau, altväterliche Unterhosenkomik wird durch zeitgenössische Nacktheit ersetzt (beste Spieler: Benedict Fellmer und Johann Jürgens), die goldene Broadway-Ära nimmt in Lisa Förster als Elaine gekonnt singend und tanzend Gestalt an …

„Nach fest kommt ab!“, weiß der Handwerker. Der an der Komikschraube drehende Regisseur sollte es ebenfalls wissen. „Im Stück“ bleiben nur Steffen Gangloff (Teddy), Christina Rubruck (Jonathan) und in Mehrfachbesetzung Hans Fleischmann. Den Dreh, die Figurenbehauptung zu sprengen und die Schauspieler einander mit ihren zivilen Namen ansprechen zu lassen, funktioniert definitiv nicht mehr. „Im Wohnzimmer deiner Tunten, äh Tanten“ geht es um Kantinengespräche über Kündigungen und Glaubwürdigkeit auf dem Theater. Längst ist sie davon. Und die finale Kollektiventscheidung, künftig in einer Irrenanstalt als „Inklusionsensemble“ Musicals zu spielen, fast eine gute Nachricht. Aber manche Dinge kann man eben einfach nicht glauben …