Kultur

Bayreuther Festspiele Katharina Wagner hat die Veranstaltungsreihe innerhalb von zehn Jahren demokratisiert – der ästhetische Diskurs sollte aber bestehen bleiben

Roben, Miniröcke und Totenkopf-Pantoffeln

Archivartikel

Es ist der 26. Juli, 22.05 Uhr. Das letzte Glitzern des „Parsifal“ verkündet eine schöne neue Welt. Die weit über hundert Menschen auf der Bühne haben Christentum, Islam und andere Religionen überwunden und schreiten einer hellen Zukunft entgegen, einer Utopie des Lichts. Der Vorhang fällt, und da passiert es: Ein Sturm der Begeisterung bricht über das Festspielhaus herein, als seien die Besucher soeben Zeuge einer Jahrhundertaufführung geworden.

Klatschen. Trampeln. Rufen. Dieser „Parsifal“ von Uwe Eric Laufenberg ist akzeptabel, die Aufführung ist gut, in Teilen vielleicht auch sehr gut, in anderen aber nur befriedigend. Andreas Schager (Parsifal), Elena Pankratova (Kundry), Günther Groissböck, (Gurnemanz) und der aus Bürstadt stammende Thomas J. Mayer (Amfortas) erleben einen Triumph. Ja. Ein Großereignis ist das alles aber nicht.

Bayreuth war immer ein Ort des Diskurses, ein Ort, an dem über Kunst gestritten und Positionen gerungen wurde. Das war, neben der Monothematik, sein Alleinstellungsmerkmal. Wer es schaffte, an den Grünen Hügel zu kommen, hatte allein über die Kartenvergabe viel zu erleiden, ergo: Die meisten waren einfach beinharte Wagnerfans, wenn nicht Wagnerianer.

Das hat sich seit Katharina Wagner geändert. Seit sie Festivalchefin ist, also 2008, gab es nicht nur eine intensive Auseinandersetzung mit der vor allem nationalsozialistischen Vergangenheit, die nun im neuen Band „Sündenfall der Künste?“ (Bärenreiter) zusammengefasst wird. Es gab nicht nur neue, im Falle Frank Castorfs zuvor auch undenkbare Regiehandschriften. Und es gab nicht nur eine Verteilung der Macht an der Spitze.

Steigende Preise

Es gab auch einen radikalen Demokratisierungsprozess. Allein der Kartenverkauf über Internet führt dazu, dass (fast) jeder die ab 2019 je nach Kategorie im Preis um 20 bis 30 Prozent steigenden Tickets kaufen kann – klar: wenn er es sich leisten kann.

Man sieht das an der Publikumsmixtur. Zwischen den in edle Stoffe gewandeten Promis, den Experten und Wagnerjüngern mischen sich mehr und mehr Menschen in Alltagskleidung unterschiedlicher Kulturen – von Kaftan, Tunika und Pluderhosen bis hin zu Blue Jeans, Minirock und Shorts ist 2018 (fast) alles vertreten.

Sicher, Wagner hätte das gefallen, wollte er doch Kunst fürs Volk schaffen. Wenn aber im Zuge einer allgemeinen Mutikulti- und Konsensgesellschaft den Festspielen die Kontroverse abhanden käme, wenn, etwa mangels Vorbildung oder ästhetischer Urteilskraft, nicht mehr gestritten würde – es wäre das Ende des Faszinosums Bayreuth.

„Moralische Reibung erzeugt intellektuelle Energie“, meinte der Soziologe und Friedenspreisträger von 2006, Wolf Lepenies. Gerade am Grünen Hügel konnte man genau das Jahr um Jahr förmlich mit den Händen greifen. Zumindest das müsste dringend so bleiben.