Kultur

Abschiedstour Kiss ließen ein letztes Mal den Münchner Königsplatz erbeben

Rock-Party mit XXL-Krachern

Archivartikel

„Kiss“ halten Wort. Ihre Konzerte bei der „End of the Road“-Tour sind die versprochenen Spektakel: Pyrotechnik, Flammenwerfer und Laser so weit das Auge reicht, Kanonenschläge, die jedes historische Corps vor Neid erblassen lassen, erschüttern das Gelände, und am Ende ein nicht enden wollender Konfetti-Regen, der die bei anderen Konzerten übliche Abschlusszeremonie wie ein Tröpfeln erscheinen lässt. Dazu gibt es einen über zweistündigen Parforce-Ritt durch den musikalischen Kiss-Kosmos.

Die weit mehr als 20 000 Fans auf dem altehrwürdigen Königsplatz in München sind komplett aus dem Häuschen. Die Rock-Party mit XXL-Krachern sorgt nicht nur für staunende Gesichter, sondern macht einfach Laune. Ein fetter Schlussakkord.

Natürlich starten „Kiss“ mit zwei Songs ihres wohl bekanntesten Albums „Destroyer“. Mit „Detroit Rock City“ und „Shout it out loud“ treten sie gehörig aufs Gaspedal, von dem sie bis zur ersten Zugabe auch nicht runtergehen werden. Und ebenso natürlich ist, dass die US-Rocker nicht mit einer komplett neuen Show aufwarten, sondern ihr musikalisches Brett mit den bekannten und auch von den Fans erwarteten großen Gesten ins weite Rund hämmern.

Und das ist im Prinzip nichts Anderes als ein klassisches 70er-Jahre Konzert, bei dem jeder seinen Solopart ausgiebig zelebrieren darf. Da gehört auch das obligatorische Drum-Solo dazu, wobei es Eric Singer gelingt, sogar die Fans in den hintersten Reihen zu stürmischem Beifall zu bewegen. Spaceman Tommy Thayer feuert bei seinem Solo mit seiner Gitarre gleich etliche Salven ab und schießt dabei imaginäre Ufos ab. „Independence Day“ lässt grüßen.

Und kurz vor 22 Uhr bricht auf dem Münchner Königsplatz die Hölle los. Blitze, Donner und eine apokalyptische Lightshow leiten das Bass-Solo von „The Demon“ ein. Und selbstverständlich spuckt und sabbert Gene Simmons wieder Blut. Eben eine Ausgeburt der Hölle.

Aber das diabolische Zwischenspiel ist nur von kurzer Dauer, schließlich will man eine Party feiern. Und so fliegt Starchild Paul Stanley via Tarzanbahn über die Köpfe der Fans hinweg zu einer zweiten Bühne in der Mitte des Platzes, um von dort „Love Gun“ abzuschießen und dann gemeinsam mit dem Rest der Band, die auf der großen Bühne geblieben ist, ihren größten Hit, den Disco-Stampfer „I was made for loving you“ abzufeuern. Und er zündet wie immer. In der Menge gibt’s kein Halten mehr. Mit „Black Diamond“ verabschieden sie sich.

Bei der Zugabe geht’s zunächst gemütlich los. Eric Singer singt „Beth“ und begleitet sich dazu auf dem Klavier. Die Stimme von Catman ist im Gegensatz zu der von Paul Stanley wenigstens noch intakt. Nach den ruhigen drei Minuten geht’s dann volle Pulle auf die Ziellinie. Mit „Crazy crazy Nights“ und „Rock’n’Roll all nite“ lassen es „Kiss“ noch mal so richtig krachen und das nicht nur musikalisch. Am Ende zerschmettert Paul Stanley sein Handwerkszeug auf dem Bühnenboden, ganz nach dem Motto „Habe fertig“.

Ein paar kleine Abzüge gibt es für den Sound, der beim Opener „The New Roses“ voluminöser war. Aber angesichts des Zustands von Paul Stanleys Organ dürfte hier nicht mehr drin gewesen sein. Schwamm drüber: Es ist ein großartiges Abschiedskonzert. Irgendwie ist der altehrwürdige und geschichtsträchtige Königsplatz die richtige Location. Schließlich sind „Kiss“, wenn man ihnen glauben darf, auch bald Geschichte. Und einen Platz in der „Rock’n’Roll Hall of Fame“ haben sie ja schon. Sie werden im Rockmuseum sicherlich nicht in der Abteilung der versiertesten Rocker des Planeten ihren Platz finden. Aber in der Kategorie mit hohem Spaßfaktor sicherlich. Und bestimmt werden sie als eine der geschäftstüchtigsten Bands neben den „Rolling Stones“ auf einer nicht ganz so ruhmreichen Lade verewigt. Ein Langarm-Hemd mit dem Kiss-Schriftzug für 200 Euro ist sicherlich einen Eintrag wert. Aber selbst der geneigte Fan muss das ja nicht kaufen. Das Preis-Leistungs-Verhältnis beim Konzert hat ja gestimmt. Da bekommt man viel fürs Geld.