Kultur

Kulturrätsel (Teil 5) Es geht um einen heute hoch aktuellen Roman von einem im Rhein-Neckar-Raum aufgewachsenen Pop-Literaten

Rund um den Wasserturm

Dass die Handlung von Romanen, meist Regionalkrimis, sehr bemüht um markante lokale Punkte wie den Mannheimer Wasserturm kreisen, kann man heutzutage massenhaft lesen. 1998, als das von uns hier gesuchte Werk eines 1955 in Hamburg geborenen Popliteraten erschienen ist, war das noch nicht so extrem in Mode. Zumal es in dem Buch mit dem englischen Ein-Wort-Titel, der zu Deutsch so etwas wie Wildfang im Sinne von „wildes, lebhaftes Mädchen“ bedeutet, um den Wasserturm in Edingen geht. Ein in der Belletristik eher exotischer Standort.

Die Hauptfigur lebt im an Heidelberg angrenzenden Teil der Doppelgemeinde Edingen-Neckarhausen. Wie der Autor, der Teile seiner Jugend im Rhein-Neckar-Kreis verbrachte, und dementsprechend souverän und versiert Lokalkolorit einfließen lässt. Detailreichtum und seine nachrichtliche Akkuratesse gipfeln in Sätzen wie „Der Mannheimer Morgen ihres Brunsbütteler Nachbarn offenbarte an diesem Vormittag groß und breit die Hiobsbotschaft, daß Mannheims Boehringer-Werke von dem Pharma-Riesen Roche geschluckt worden seien.“ Man merkt: Das ist keine romantisch verklärende Heimatidyll-Lektüre.

Aus heutiger Sicht ist der Roman des auch als DJ und Musiker gefragten Schriftstellers topaktuell. Der Suhrkamp Verlag kündigte das Werk seinerzeit als „bizarres Kabinett der gender troubles“ an, es geht also um Geschlechterverwirrung als Suche nach der richtigen Identität. Im Mittelpunkt der Geschichte: die in Edingen an ihrer Magisterarbeit arbeitende Philosophiestudentin Vivian Atkinson, die sich als „zwangsheterosexuell“ empfindet. Keine leichte Lektüre, aber fesselnd.

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