Kultur

Kunst Irina Ruppert stellt in der Mannheimer Ten Gallery aus

Salat wie du und ich

Archivartikel

Es war eine Revolution mit schleichenden, langfristigen Folgen, als vor einem halben Jahrtausend Albrecht Dürer nicht nur die Madonna und die Apostel, sondern auch sich selbst, seine alte Mutter – und sogar einen Feldhasen oder einfach nur Grashalme malte. Solch Banalitäten waren nicht würdig, gemalt zu werden – Hasen wurden gegessen und Grashalme, nun ja, gemäht. Ein bisschen erinnert das, was Irina Ruppert in der Ten Gallery zeigt, an Dürers Vorgehen: Sie porträtiert Salatblätter.

Im Rahmen des regionalen Matchbox-Projekts, ein mobiles Kulturprojekt in ländlichen Regionen, arbeitete Ruppert 2017 zusammen mit osteuropäischen Erntehelfern auf dem Acker in Dannstadt-Schauernheim. Dabei entstanden, zu sehen in einer Feldausstellung mit dem Titel „Erz. 7139“, überlebensgroße Porträts der Landwirte und Saisonarbeiter, wobei Ruppert teils mit einer Mixtur von Farb- und Schwarz-Weiß-Fotografie arbeitete. Ihr Interesse gilt eigentlich den Begriffen Heimat, Identität und Migration. Sie hat selbst entsprechende Erfahrungen von Integrationsproblemen; sie wurde 1968 in Kasachstan geboren und lebt heute als Dozentin und freie Fotografin in Hamburg.

Blätter auf Fotopapier belichtet

Die Großporträts waren jedoch nicht das einzige Ergebnis ihrer „Feldarbeit“. Die landwirtschaftlichen Betriebe beliefern Supermärkte, und da müssen die Salat- und Kohlköpfe optisch was hermachen. Die Erntearbeiter pflückten also die unattraktiven Außenblätter ab und ließen sie liegen. Ruppert sammelte über 100 dieser in der Rangordnung aller untersten Objekte wieder auf und brachte sie nach Hamburg. Die Blätter wurden sorgfältig getrocknet und, ja: porträtiert, indem sie in der Dunkelkammer auf Fotopapier gelegt und dann belichtet wurden.

Derart hergestellte Fotogramme sind immer Unikate, und Rupperts Pflanzen scheinen nun auf schwarzem Hintergrund zu schweben wie Erscheinungen, die aus dem Nichts treten. Fern jeder Banalität erinnert etwa das noch im Keimvorgang aus der Erde gezogene Basilikumpflänzchen an die Verletzlichkeit des Lebens. Es sind Pflanzenporträts von großer Einfühlung, Porträts autonomer Lebewesen voll Energie, Vitalität und Bedrohtheit. Ein unglaublicher Reichtum an Formen, Auffaltungen, Verzweigungen und auch wieder Reduktionen wird durch die isolierte Präsentation deutlich. Wie war das doch mit dem Dürer-Rasenstück? Der nächste Teller Salat wird jedem Betrachter der 16 Exponate ganz anders vorkommen als bisher. Aber irgendwas müssen wir ja essen …

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