Kultur

Tanz Staatsballett mit „Anna Karenina“ in der Chemiestadt

Schicksal einer Frau

Archivartikel

Einfache weiße verschiebbare Holzpodeste auf einer kargen und dunkel gehaltenen Bühne bilden zusammen mit stilisierten Birken das Bild für die russische Aristokratie. Um das Eintreffen von Titelfigur Anna Karenina am Bahnhof zu versinnbildlichen, wird ein weißer Vorhang vor den Bühnenhintergrund gezogen. Auf ihm zeigt eine Video-Projektion die laufenden Räder einer Eisenbahn. Gleichzeitig ist ihr rhythmisches Fahren im Theaterraum zu hören. Eine feine Gesellschaft, die Männer im Frack, die Frauen in langen Gewändern, gibt sich hölzern und entsprechend der Konvention distanziert.

Bald wechselt das Bild zur Ball-Szene – Podeste sind verschoben, von der Bühnendecke strahlen zwei Kronleuchter. Geschmeidige und nicht immer gefügige Tänzerinnen bringen seidigen Stoff in mal verhaltenen, mal strahlenden Farben in Schwung und werden von ihren fordernden und bald grenzüberschreitenden Partnern beim Tanz geführt.

Klänge für den Schmerz

Christian Spuck ist ein Spezialist für Handlungsballette mit literarischen Vorlagen. Mit dem hochkarätigen Ensemble vom Bayerischen Staatsballett aus München hat der aus Marburg stammende Choreograph „Anna Karenina“ nach Leo Tolstoi einstudiert. Seine karg ausgestattete Bühne konzentriert sich auf den Tanz und die Musik. Dabei teilt Spuck den üppig ausgedehnten dramatischen und an Figuren reichen Romanstoff von 1877 in klare, ineinander geschickt übergehende Szenen. Große Liebe, Entsagung, Ehebruch und tödliche Verzweiflung kontrastiert er musikalisch mit den Kompositionen von Sergej Rachmaninow und Witold Lutoslawski.

Mal verweisen die spätromantischen Melodien Rachmaninows auf die Eintracht der Liebenden; bald aber werden sie abgelöst von den avantgardistischen Klängen Lutoslawskis, die den Schmerz ankündigen und die gespaltenen Seelenzustände der Figuren anzeigen. Und während das Ensemble den Bühnenraum als Gruppe in spannende geometrische Formationen teilt, brillieren die Solisten und zeigen viel klassischen Spitzentanz.