Kultur

Internationale Händel-Festspiele Zum Auftakt „Alcina“ im Badischen Staatstheater Karlsruhe

Schlichtheit weiß den Zuschauer zu verzaubern

Archivartikel

1952 begannen die Händel-Festspiele in Halle an der Saale ebenso wie 1978 die „Händel-Tage des Badischen Staatstheaters Karlsruhe“ mit einer Aufführung der Oper „Alcina“. Nach 40 Jahren steht jetzt wieder dieses 1735 in London uraufgeführte Dramma per musica auf dem Programm das alljährlich um den Geburtstag des Komponisten herum in Karlsruhe stattfindenden Festivals, das seit 1985 „Internationale Händel-Festspiele“ heißt.

„Alcina“ ist die Geschichte der gleichnamigen Zauberin und des auf ihre Insel verschlagenen und in ihren Bann geschlagenen Ruggiero, der von seinem Lehrer Melisso und seiner als Ricciardo verkleideten Verlobten Bradamante befreit wird. Ein unbekannter Bearbeiter steuerte den Text nach dem Libretto von Antonio Fanzaglia zu Riccardo Broschis Oper „L’isola di Alcina“ bei, der – wie auch Händels „Ariodante“ – auf dem sechsten und siebten Gesang des Epos „Orlando furioso“ von Ludovico Ariosto fußt.

Georg Friedrich Händel begnügt sich in dieser Oper nicht damit, nur Situationen zu illustrieren, vielmehr charakterisiert er auch die Protagonisten musikalisch differenziert. Dabei sind die „oft naiv anmutenden Vorgänge Gleichnisse für den Reichtum des menschlichen Lebens und seiner Konflikte“. So gilt auch für diese Oper Händels der nach einer „Messias“-Aufführung gesprochene Satz: „Es würde mir leid tun, die Menschen mit meiner Musik nur unterhalten zu haben – ich wünschte sie zu bessern“.

Legte man bei der Karlsruher „Alcina“-Aufführung von 1978 noch in erster Linie auf Unterhaltung Wert und inszenierte Hans Hartleb in den aufwendigen Kulissenzauber-Bühnenbildern von Heinz Balthes, unterstützt von einer antiquierten Choreografie von Germinal Casado, eine barocke Show, in der die Kostüme von Maria-Luise Walek ein pompöser Rausch von Farben und Stoffbahnen waren, so geht es diesmal wesentlich schlichter zu. Die Optik das Ganzen, anders als damals in der italienischen Originalsprache gesungen, mit deutschen und englischen Übertiteln, ist moderner, entbehrt aber nicht des Zaubers, der diese Oper auszeichnet.

Abstrakt bemalte Wände, dazu ein aus bodenlangen Schnüren bestehender Vorhang in der hinteren linken Ecke, durch den auch schon einmal eine Reliefwand geschoben wird, durch den hindurch jedoch in erster Linie die Auf- und Abtritte der Akteure erfolgt. Das ist im Wesentlichen die Bühne von Macmoc Design, wie sich die auch für das Licht verantwortlichen Emily Macdonald und Cameron Mock nennen. Chrisi Karvonides-Dushenko hat die Sänger-Darsteller teils in einem dem Barock angenäherten, teils modernen Stil kostümiert. So trägt etwa die Titelheldin eine pompös ausladende Robe, während andere in einer Art Straßenkleidung aus unseren Tagen auftreten. So lässt der Regisseur James Darrah auch den einen oder anderen schreiten oder gehen, auf dem Boden kauern oder sich rücklings auf diesen legen.

Das im Original vorgesehene Ballett entfällt in Karlsruhe, genauer gesagt, seine Aufgabe übernimmt ein sechsköpfiges „Gefolge Alcinas“, das stilisierte lange Röcke trägt und Bewegungsstudien zum Besten gibt.

Den orchestralen Part übernehmen, wie bereits seit 1985, die sogenannten „Deutschen Händel-Solisten“. Die musikalische Leitung hat diesmal Andreas Spering, einer der führenden Spezialisten für Alte Musik, der durch sein einfühlsames Dirigat seinem Ruf vollauf gerecht wird, indem er eine der reichsten Opernpartituren Händels nuancenreich deutet.

Mit strahlendem Sopran interpretiert Layla Claire die Charakterfigur der Titelheldin. Dem Ritter Ruggiero gibt der Countertenor seiner Tonlage entsprechend Profil. Die Kontralistin Benedetta Mazzucato brilliert stimmlich als Bradamante und als verkleideter Ricciardo. Mit profundem Bass-Bariton gestaltet Nicholas Brownlee den Ruggiero rettenden Melisso. Die Sopranistin Aleksandra Kubas-Kruk als Alcinas Schwester Morgana, der Tenor Alexey Neklyudov als derer Geliebter Oronte und die Sopranistin Carina Schmieger als Oberto tragen ebenso wie der Händel-Festspielchor, unter der Leitung von Carsten Wiebusch zum umjubelten Erfolg der „Alicana“-Aufführung bei. Dieter Schnabel