Kultur

Literatur regional Rainer Wedler schreibt neuen Roman

Schneider trifft Diktator

Zwei Lebensläufe – ein Schnittpunkt. Wilhelm August Fiebig, der 1905 im Oberharz geborene Schneider, und Adolf Hitler, Jahrgang 1889, der die Realschule ohne Abschluss verlässt, sich als Künstler versucht, völkische Schriften liest, um schließlich zum Diktator aufzusteigen. Ihr (fiktives) Zusammentreffen im Münchner Gefängnis Stadelheim ist Dreh- und Angelpunkt von Rainer Wedlers neuem Roman „Das Jahr Null ist das Jahr Zwölf – Warum Hitler meinen Vater nur einmal getroffen hat.“ Von ihm ausgehend werden aus der Perspektive von Fiebigs Sohn, der sich nach dem Tod des Vaters die von ihm besprochenen Kassetten anhört, die Lebensläufe zweier Männer aufgezeigt, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Der Schneider, der gerne Uhrmacher geworden wäre und mit dem Fahrrad durch Deutschland fuhr, immer auf der Suche nach Arbeit, einer Familie, einem Zuhause. Der den Mut hatte, im Zweiten Weltkrieg einen Befehl zu verweigern, weil er das nicht mit seinem Gewissen vereinbaren konnte. Und Hitler, skrupellos, sich an die Macht schreiend. Der machte, was er wollte, und erst am Ende seines Lebens die Rechnung dafür zu bezahlen schien, als die Russen ihn „als Kriegsbeute ein paar Mal ein- und wieder ausgegraben haben. Von wegen: Ruhe sanft!“.

Interessante Details

Die Art und Weise, wie dies erzählt wird, ist episodenhaft-assoziativ, der Erzählton lakonisch und zuweilen satirisch. Dabei versteht es Wedler, der schon zahlreiche Romane, Lyrik- und Erzählbände verfasst hat, seine auf der Weltbühne des 20. Jahrhunderts agierenden Figuren genau auszuleuchten, ohne ihnen einen Rest an Geheimnis zu nehmen. Dem in Ketsch bei Schwetzingen lebenden Autor ist ein lesenswerter Roman gelungen, den er nicht zuletzt mit interessanten Details aus der Sozialgeschichte – vom Einzug der ersten Radios in die Haushalte bis zur damals noch üblichen heimischen Schwefelhölzerherstellung – spickt.