Kultur

Schwetzinger Festspiele I Prégardien am Rande des Todes

Schrecklich, aber schön

Archivartikel

Schwetzingen.Seine Stimme ist ein wahrer Ohrentrost und definiert geradezu den Typus Lyrischer Tenor: So weich, so samtig, so zart schmelzend kann sie sein. Von Abnutzungserscheinungen ist Christoph Prégardien verschont geblieben, und als Interpret ist er voll ausgereift. In Schwetzingen, wo man im aktuellen Festspieljahr dem Thema „Übergänge“ nachspürt, zeigt er das in einem Liederabend, der dem Wesentlichsten gilt: dem Übergang vom Leben in den Tod.

Nicht jeder sieht ihn so entspannt und glaubensfroh wie Bach: Im Himmel sei die „Lust viel größer“, heißt es in „Komm, süßer Tod, komm, sel’ge Ruh!“ aus „Schemellis Gesangbuch“. Prégardiens Tenor steigt ungehindert auf in solch elysische Bezirke, doch dort bleibt er nicht – schon die Romantiker befallen ernste Zweifel an den Glücksverheißungen im Dies- und Jenseits. Selbst bei Schubert werden „Auflösung“ und Untergang der Welt gepredigt – und von Prégardien mit ungeschönter, ungezügelter Deklamatorik propagiert.

„Lebt kein Gott?“

Modern klingt das, und immer wieder denkt man im Verlauf des Abends an die erste „Duineser Elegie“ von Rilke mit ihrer berühmten Formulierung, dass das Schöne nur des Schrecklichen Anfang sei.

Das Liedformat reicht Prégardien kaum aus, bereits aus zwei Balladen von Carl Loewe macht er ziemlich große Schauerdramen. Auch zwei Opernszenen hat er im Programm, von Weber und Tschaikowsky. Jene mit dem Jägerburschen Max aus Webers „Freischütz“ hat bei ihm mehr Drastik, Aufgewühltheit und Verzweiflung als in jeder Operninszenierung: „Lebt kein Gott?“, schreit er – und nimmt den Text existenziell beim Wort. So wesentlich wird auch Michael Gees’ Begleitung. Dabei ist sie doch nur ein Klavierauszug.