Kultur

Filmfestspiele Das Festival in Cannes beginnt mit einem nicht ganz überzeugenden Eröffnungsfilm / Serebrennikow sorgt für Aufsehen

Schwierige Beziehungen und Punk

Archivartikel

Bereits am Dienstagabend, einen Tag früher als gewöhnlich, wurden die Internationalen Filmfestspiele in Cannes eröffnet, doch die 71. Auflage des wichtigsten Filmfestivals der Welt wartet in diesem Jahr mit so vielen Veränderungen im Ablauf auf, dass auch nach zwei Tagen sich noch nicht alle aus der ganzen Welt angereisten Gäste so richtig daran gewöhnt haben.

Nicht wenige Journalisten hadern damit, dass der Presse in diesem Jahr die Wettbewerbsfilme nicht mehr vorab gezeigt werden, was zur einigermaßen späten Veröffentlichung ihrer Kritiken führt. Und abends auf dem roten Teppich lässt sich noch regelmäßig beobachten, dass der eine oder die andere doch noch nichts vom neu verhängten Selfie-Verbot gehört hat. Oder sich darüber hinwegzusetzen versucht.

Eines allerdings ist auch in diesem Jahr an der Croisette wie üblich: der Eröffnungsfilm war nicht der ganz große Wurf. Dabei waren die Erwartungen hoch. Asghar Farhadi, zweifacher Oscar-Gewinner aus dem Iran, hat erstmals einen Film auf Spanisch gedreht und sorgte dank seiner Hauptdarsteller Penélope Cruz und Javier Bardem am Eröffnungsabend für die nötige Portion Glamour.

Komplizierte Familiendynamik

In „Todos lo saben“ (auf Deutsch: Alle wissen es) erzählt er von Laura, die anlässlich der Hochzeit ihrer Schwester in ihr Heimatdorf in Spanien zurückkehrt und dort auch ihre Jugendliebe Paco wiedertrifft. Was als ausgelassene Familienfeier beginnt, nimmt eine dunkle Wendung, als Lauras Teenager-Tochter entführt wird. In einer Mischung aus Melodrama und Thriller bewegt sich Farhadi dabei thematisch auf bewährten Pfaden: er erzählt einmal mehr von komplizierter Familien-Dynamik, sozialen Unterschieden, schwerwiegenden Geheimnissen, die auch nach vielen Jahren noch ebensolche Folgen haben, und der Korrumpierbarkeit durch Geld.

Allerdings schürft er dabei weniger tief als in Meisterwerken wie „Nader und Simin – Eine Trennung“, verlässt sich ein wenig zu sehr auf allzu offensichtliche Drehbuch-Kniffe und kann sich einem allzu touristisch-folkloristischen Blick auf Spanien nicht entziehen. Immerhin trösten hervorragende Schauspieler – allen voran Bardem und Nebendarstellerinnen wie Barbara Lennie oder Elvira Mínguez – über einige Schwächen hinweg.

Einen ersten frühen Preis-Anwärter schickte dagegen der Russe Kirill Serebrennikow ins Rennen, der nicht persönlich nach Cannes kommen konnte – wogegen seine Filmcrew auf dem roten Teppich protestierte. Die russischen Strafverfolgungsbehörden warfen ihm im vergangenen Jahr vor, 68 Millionen Rubel an staatlichen Geldern veruntreut zu haben, seither steht er – trotz internationaler Proteste – unter Hausarrest. Sein Film „Leto“ ist ein nostalgisches, aber politisch aufgeladenes Stimmungsporträt der russischen Punkrockszene der achtziger Jahre. Melancholisch, leichtfüßig und in wunderbaren Schwarzweiß-Bildern gefilmt, ist der Film zwar ein wenig zu lang, doch der Blick auf ein filmisch kaum erschlossenes Milieu ist gleichermaßen faszinierend wie originell.

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