Kultur

Jagoda Marinics Corona-Tagebuch (mit Audio)

Seelenhygiene

Archivartikel

Liebes Corona Tagebuch,

Liebe Leserinnen und Leser,

erinnern Sie sich an die Illustration „Die Pest in der Mandschurei“? Ich sah das Bild neulich in einem Magazin wieder. Es ist von 1911, so düster, dass man kaum hinsehen mag, und doch ist man fasziniert vom fliegenden Tod im roten Gewand, der über den hilflosen Menschen bedrohlich die Sichel schwingt. Archaische Bilder wie dieses wirken in heutigen Zeiten fast biblisch, weit entfernt von einer Gesellschaft, die sich morgens den NDR Podcast mit Drosten in Ruhe anhört und mehr oder minder vernünftige Wege sucht, mit einer Pandemie umzugehen.

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Gleichzeitig ist im kollektiven Gedächtnis die Bedrohung durch solche Naturkatastrophen eingeschrieben. Wie wird sich das Erleben im Jahr 2020 in uns absetzen? Die Friedenspreisträgerin Aleida Assmann, die sich intensiv mit dem kollektiven Gedächtnis beschäftigt, meint, die aktuelle Krise könne Spuren hinterlassen, auch indirekte. Ich sehe das auch so. Die Unbedarftheit des sozialen Kontakts wird nicht einfach wiederherzustellen sein. Beim Einkaufen im Drogeriemarkt muss ich inzwischen an meine Kindheit denken: Zeiten, in denen selbst in Banken die Mitarbeiterinnen hinter Glas saßen – im ehemaligen Jugoslawien waren sie noch eingekesselter hinter Glas als hier.

Die Idee, dass man sich bei den Behörden nicht schützen müsse, ist recht jung: Die offenen Büros, die großzügigen Eingangsbereiche in Banken, die Haltung, Barrieren abzubauen und Nähe zu suchen, die sich vor allem in den Innenraumausstattungen öffentlicher Gebäude zeigt. Die Innenräume versinnbildlichen dabei eine Haltung der Gegenwart, man könnte sie etwas plakativ als „die offene Gesellschaft“ bezeichnen. Die Offenheit für direktere Begegnungen und weniger Hierarchien.

Ich vermute, vor allem dieser durch Corona entstandene Bruch wird sich schwer wieder aufheben lassen in absehbarer Zeit. Man wird das „Worst-Case-Szenario“ mitdenken: Wie gestalten wir die Innenräume so, dass sie auch künftig Epidemien oder Wellen von Infektionen unterbinden könnten? Das ist ein leiser, fast unbemerkter Abschied, den viele sich nicht gerne eingestehen möchten, weil viele hoffen, es würde schnell wieder werden, wie es war. Neulich sagte Christian Drosten, vielleicht mutiere das Coronavirus dahingehend, dass es sich eher in der Nasenschleimhaut als in der Lunge festsetzt, was eine gute Nachricht wäre, weil der Verlauf der Krankheit viel harmloser wäre. Auf diese Weise hätte sich das Virus in seiner Gefährlichkeit selbst besiegt, das wäre das magische Denken, das ich seit Wochen heimlich hege.

Was jedoch bleiben wird: Die Verunsicherung der ersten Monate. Manchmal, wenn nun Kritik an den ersten Maßnahmen geübt wird, scheinen viele zu vergessen, wie das Gefühl der ersten Tage und Wochen mit der neuen Bedrohung war. Allein die Ungewissheit darüber, was uns wohl bevorsteht. Nein, man würde das Jahr 2020 nicht malen wie den Sensenmann, der die Pest in der Mandschurei darstellen sollte, sein Gesicht ein Totenschädel. Gleichzeitig sollten wir alle über die seelischen Dimensionen dieses Umbruchs nachdenken. Manche sagen „Psychohygiene“ dazu, andere „Seelenhygiene“. Allein die Zahl der Babys, die auf die Welt kamen, ohne dass die Großeltern sie hätten sehen dürfen, die Unsicherheit der Mütter und Väter, die ihre Kinder in solchen Zeiten ins Leben bringen mussten.

Es ist großartig, dass es weitergeht, der Leichtsinn vieler, das ist, denke ich, auch eine Form des Trotzes und des Übermuts, der tiefe Wunsch, sich die Lust am Leben nicht nehmen zu lassen. Viele wollen so schnell es geht zurück „in die Normalität“. In Zeiten des „Positive Thinking“ und der „Selbstoptimierung“ sollte jedoch auch etwas Zeit und Raum bleiben für das, was uns im Jahr 2020 verloren gegangen ist. Die Frage, was wir an diese Stelle setzen, kann vielleicht aus diesem Raum heraus besonnener beantwortet werden, kreativer, innovativer. Bleiben Sie gesund!

Jagoda Marinic

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