Kultur

Schauspiel Badisches Staatstheater gastiert mit „Fremde Heimat“ im Pfalzbau Ludwigshafen / Stück dreht sich um gelingende und misslingende Integration

Sehnsucht nach dem deutschen Pass

Archivartikel

Brasilien. Dort können sie Fußball spielen, sind fröhlich beim Sambatanz, feiern glitzernden Karneval und haben gelegentlich wirtschaftliche Probleme und seltsame Präsidenten. Klischees, die diesem riesigen, diesem vielfältigen Land nicht gerecht werden.

Einen besonderen Aspekt haben sich jetzt das Badische Staatstheater Karlsruhe und die Theatergruppe um Regisseurin Mirah Laline herausgesucht, umfangreich recherchiert und von Jürgen Berger in Textfassung vorgelegt: „Pátria Estrangeira – Fremde Heimat“ ist ein ebenso tiefgründiges wie charmantes und spielfreudiges Stück um Einwanderung vor 200 Jahren. Aus dem von Hunger und Armut geplagten Deutschland nach Brasilien. Die Hoffnung richtet sich auf die Gegend um Porto Alegre. Der Kaiser kam zur Begrüßung an den Kai, es gab Land und Starthilfe. Allerdings auch für Generationen die Mühsal der Urbarmachung der Landschaft für die Siedler.

Die Akteure gastieren auf der Hinterbühne des Pfalzbaus und setzten ihre Familiengeschichten in Szene. Denn Camila Falcao, Karin Salz Engel Lenzi, Martina Fröhlich, Philipe Philippsen und Thomas Prenn sind alle mit dem Land verbandelt, das schon Stefan Zweig Staunen abforderte. Auf einem Querpodest werden Regalkästen aufgezogen, allerlei Dokumente kommen zum Vorschein. Spielmaterial, etwa wenn erzählt wird, dass der Ablehnungsbescheid für die deutsche Staatsbürgerschaft 18 Euro kostet.

Hohe Bestechungsgelder

Oder Philipe, beziehungsweise die von ihm gespielte Figur, rollt immer wieder einen Familienstammbaum auseinander, um deutsche Vorfahren zu identifizieren. Das Ziel: ein deutscher Pass. Ein schwieriges Unterfangen. In Brasilien geht es da viel leichter, einen brasilianischen Pass zu bekommen – allerdings nur, wenn man 100 000 Euro als Investition bereithält.

Mit viel Witz, Tempo und Musik (Klavier, Gesang, Akkordeon) werden die Geschichten auf Deutsch und Portugiesisch ineinander verwoben und bekommen anrührende Gestalt. Heimat, das ist ein Gefühl, und keine starre Zuordnung. Und Migrations-Wurzeln haben wir alle, irgendwann und irgendwo treffen Menschen und Kulturen aufeinander, vermengen sich.

Die deutsch-brasilianische Produktion macht die Mechanismen von gelingender oder misslingender Integration greifbar und ist ein optimistisches Stück gelebten Miteinanders. Spielerisch in der Darstellung, intensiv im Eintauchen in die Identitäten der Akteure und lebendig. Man spürt, dass die Theaterszene in Brasilien kein Korsett kennt. - Viel Beifall und Stoff zum Nachdenken.