Kultur

Literatur regional Anne Richter über „Unvollkommenheit“

Sehnsucht nach Freiheit

Archivartikel

Paul ist intelligent. Er studiert Mathematik und könnte es weit bringen, wenn er sich anpassen könnte. Aber wer ist schon vollkommen? Er nicht, der Staat nicht, in dem er lebt, die Kommilitonen nicht, die nicht auf seiner Seite stehen. Anne Richters Roman „Unvollkommenheit“ beginnt 1988 in Jena, ein Jahr vor der Wende. Marc hat sich gerade für sein Studium eingetragen, sitzt im mathematischen Seminarraum, als Paul, bereits exmatrikuliert, hereinkommt und einen Eklat verursacht.

Dieser bärtige, langhaarige Typ spielt das Spiel des Staates nicht mit, will lieber frei leben, Musik spielen und den Mund aufmachen. Auch Marc wird er zusprechen, sich nicht vom Professor in die Partei eingliedern zu lassen, nur damit er Erfolg haben und reisen kann. „Unvollkommenheit“, das Wort steht zwischen den Zeilen. Dieses Amtsdeutsch. Hart. Unbeweglich. Was Regierungen, Institutionen und Menschen betrifft, die nach Vollkommenheit streben und doch unvollkommen bleiben.

Ein wenig Liebe

2008 arbeitet Marc als Risiko-Manager an der Frankfurter Börse. Die Bankenpleite naht, aber noch verdient er gutes Geld. Geld, das Paul dringend braucht. Und Hanka? Auch sie kommt aus dem Osten, hat Marc auf einem von Pauls heimlichen Konzerten kennengelernt. Ein bisschen Liebe hat sie ihm zugestanden, mehr nicht. Zu sehr sehnt sie sich nach Freiheit und ist am Ende nicht der Liebe fähig. Ebenso wenig wie Marc und Paul. Das Buch ist keine leichte Kost. Und das liegt nicht nur am Thema, es liegt am Personal der Geschichte, das voller Zweifel ist. Es liegt an der Vergangenheit, am politischen Umbruch und an Sehnsüchten, die sich auch im Westen nicht erfüllen lassen. Die Heidelbergerin Anne Richter, die 2011 für den Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert war, schreibt in gewohnt stilvoller Sprache. Es ist eine stille Erzählung von drei Schicksalen, keine mitfiebernde Story. Ruhig und gelassen.

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