Kultur

Literatur Leïla Slimani schildert Folgen unlauterer Moralvorstellungen / Opfer von Vergewaltigungen sehen sich Anfeindungen ausgesetzt

Sex und Lügen in der marokkanischen Gesellschaft

Die franko-marokkanische Erfolgsautorin Leïla Slimani gibt Frauen der islamischen Welt eine Stimme, um verlogene Moralvorstellungen und machistische Unterdrückung anzuprangern – das Ergebnis ist nun als Buch und als verdichtete Graphic Novel in deutscher Sprache erschienen. Darin geht es zum Beispiel um Zhor, eine junge Frau, deren Eltern ihr – wie in den meisten marokkanischen Familien üblich – stets eingebläut haben, dass Sex etwas Schlechtes sei. Und völlig ausgeschlossen vor der Ehe! Die aber dann mit 15 Jahren – wie viele junge Frauen in Marokko – vergewaltigt wurde.

Es sprach sich herum, fortan galt sie als Schlampe. Wird Zhor jemals heiraten und Kinder bekommen? Frauen wie sie sprachen die französisch-marokkanische Schriftstellerin Leïla Slimani an, als diese mit ihrem ersten Roman „Dans le jardin de l’ogre“ eine Lesereise durch Marokko machte. Sie war in der marokkanischen Hauptstadt Rabat aufgewachsen und ging zum Studieren nach Paris, wo sie blieb.

Hitzige Diskussionen entfacht

Ihr Buch über eine sexsüchtige Frau stieß ausgerechnet in dem so konservativen Marokko auf enormen Diskussionshunger: Nach den Lesungen kamen Frauen zu Slimani, um ihr mit verblüffender Offenheit ihre persönlichen (Leidens-)Geschichten zu erzählen. Marokkaner, so schlussfolgerte die Autorin, sind in Sachen sexuelles Leid, Frustration und Entfremdung erfahren: „In einer Gesellschaft, in der es keinerlei Freiheit gibt, seine Gefühle auszuleben, wird Sex unweigerlich zur Obsession.“ Die Erfolgsautorin und Gewinnerin des Prix Goncourt 2016 für ihren Roman „Dann schlaf auch du“ beschloss, diese ungefilterten Zeugnisse zu Moral und Sexualität, Partnerschaft und Gleichberechtigung in ihrem Werk „Sex und Lügen“ zu beschreiben, das nun, kurz vor der Buchmesse in Frankfurt, auch in deutscher Sprache erschienen ist. Parallel dazu schuf die 37-Jährige mit der Illustratorin Laetitia Coryn die Graphic Novel „Hand aufs Herz“, in der die Begegnungen auf faszinierende Weise verdichtet und greifbar gemacht werden. Es ist eines jener Comicbücher für Erwachsene, die in Frankreich etabliert sind, in Deutschland aber ein Nischendasein fristen.

Slimani rechnet schonungslos mit der scheinheiligen Gesellschaft ab, die den Ehrbegriff ins Zentrum setzt und dabei „zerfressen vom Gift der Heuchelei und von einer institutionalisierten Kultur der Lüge“ sei. Indem Slimani Frauen unterschiedlichen Alters und aus verschiedenen Milieus eine Stimme gibt, klagt sie die soziale Kontrolle, „Obsession der Jungfräulichkeit“ und Sexualisierung von Frauen an, was deren grundlegende Freiheiten einschränkt. Slimani präsentiert ein Plädoyer für deren Freiheit, das so aktuell wie nie erscheint.