Kultur

Tanz Deutsch-polnische Produktion im Eintanzhaus

Sind wir wirklich solidarisch?

Eine junge Frau in roten Shorts und sommerlichem Top spricht in ein Mikrofon. Sie sagt, dass wir einen schönen Abend miteinander verbringen werden. Dabei lächelt sie uns zu und wirft ergänzend ein, dass die Politik dabei zusieht. Eine Warnung zwar, aber doch erst mal nur ein Nebensatz, der sich in der folgenden Szene aufzulösen scheint.

Jetzt wird Walzer getanzt. 13 junge Tänzer und Tänzerinnen in leichten Kleidern bevölkern die dunkle Bühne im Mannheimer Eintanzhaus. Ihr Elan, das fällt in den Blick, ist nicht zu bremsen. Sie drehen und wenden sich elegant, fallen sich in die Arme und lassen sich in die Höhe tragen, so dass der energetische Schwung bis zu den Zusehenden schwappt. Wir sind in Polen, es ist der Sommer 1980. Und eine große Streikbewegung mündet in der Gründung der Gewerkschaft Solidarnosc. In Danzig auf der Lenin-Werft steht die Entlassung der Kranführerin Anna Walentynowicz im Zentrum des Streiks. Als „Heldin der Arbeit“ hat sie Geschichte geschrieben. Jetzt gilt es, um ihre Wiedereinstellung zu kämpfen.

„Solidaritot/Solidarnoc“ ist der mehrdeutige Titel einer Koproduktion zwischen dem in Münster ansässigen Tanztheater Bodytalk und dem Polski Teatr Tanca. Politisch motiviert sind die preisgekrönten Arbeiten von Yoshiko Waki und Rolf Baumgart, den Gründern von Bodytalk, immer. Zusammen mit ihren Tanzkollegen aus Polen haben sie sich auf die Geschichte um die Arbeiterbewegung Solidarnosc, ihren Kampf um Gerechtigkeit, Freiheit, Demokratie konzentriert. Dabei bewegen sie sich von der Geschichte bis ins aktuelle Zeitgeschehen.

Kulturgeschichte mit Salat

Ist die Solidarität tot? Oder schläft sie nur, weil sie der Nacht (polnisch noc) anheimgefallen ist? Im Titel scheinen beide Versionen möglich; im Tanz schwenkt die Bewegung vom Walzerschritt am Beginn bis in die Zersplitterung der Körper am Ende. Mit berauschender Dynamik erzählt das Ensemble nicht nur von der Geschichte. In einer sagenhaften Szene lassen die Tänzer mit grünen Salatköpfen Körperbilder entstehen – eine Kulturgeschichte der Menschheit: Vor dem Geschlecht positioniert sind Adam und Eva im Spiel, hinter dem Kopf gekrönte Sieger. Schließlich werden die Salatblätter von Privilegierten verspeist und von anderen – Arbeitern oder Putzfrauen – weggekehrt. Intelligent und aufrüttelnd zeigen die Akteure, wie eine Idee von Gemeinschaft zersplittert.

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