Kultur

Theater Heilbronn „Die Kaktusblüte“ von Pierre Bareillet und Jean-Pierre Grédy als Schmunzelunterhaltung der popbunten 60er Jahre

Slapstick und Lachen bis der Arzt kommt

Wer sich wie ein Kaktus einigelt, dem ist das Singledasein gewiss. Irgendwann setzen die Sukkulenten Knospen an und blühen auf. Das Autorenduo Pierre Barillet und Jean-Pierre Grédy hat mit „Fleur de Cactus“ dieser Art Single-Dasein ein Denkmal gesetzt. „Die Kaktusblüte“ wurde 1964 in Paris uraufgeführt, seine deutschsprachige Premiere (übersetzt von Charles Regnier) hatte das eigenwillige Pflänzchen 1966 in Wien, 1969 ging es als Broadway-Produktion über die Bühne. Bekannt wurde „Cactus Flower“ schließlich in der Filmversion mit Starbesetzung Ingrid Bergmann, Walter Matthau und Goldie Hawn.

Schmunzelunterhaltung der popbunten 60er Jahre, in denen das Bett zur Bühne wurde – dem Genre und der steilen Weltkarriere des Boulevardstücks huldigt die Inszenierung des Heilbronner Theaters in der Regie von Jens Kerbel, ausgestattet von Gesine Kuhn, in dem es das Bett (an Stahlseilen gesichert) ganz hoch hängt: „Make love not war“ war die Devise des berühmten zweiwöchigen „Bed-In for Peace“ von John Lennon und Yoko Ono 1969 in Amsterdam. Lieben statt sich bekriegen, das wäre auch der Wunsch von Antonia, der Protagonistin des Stückes, die in Julien, einem älteren, aber vorzeigbaren Mann, Beruf Zahnarzt, gerade ihren Traumpartner gefunden zu haben glaubt. Dumm nur, dass Julien (der Pille sei Dank) sorglos von einer Affäre zur nächsten schlendert. Um sich die nötige Beinfreiheit für mehrere Techtelmechtel zu verschaffen, bedient er sich einer kleinen Notlüge: Er sei verheiratet und habe drei Kinder, behauptet er.

Ständig auf ihn zu warten ist Antonias Sache nicht. Als er sie wieder einmal versetzt, schreibt sie ihm einen Abschiedsbrief, schickt ihn ab und dreht den Gashahn auf. In letzter Minute wird sie von ihrem Nachbarn Igor (erfrischend unkompliziert: Anjo Czernich) gerettet.

Stark Stella Goritzkis in der Rolle der Wahrheitsfanatikerin Antonia, die insistent dem Geflunker des geliebten Dentisten auf den Zahn fühlt. Amüsante Dialoge und Slapsticks fermentieren die schräge Paarbeziehung. Herrlich Nils Brück in der Rolle des feurigen Lovers, der zur Geliebten eilt, um ihr (trotz Eherings) einen Heiratsantrag zu machen und sich dabei in wilde Widersprüche verwickelt. Ein exzellenter Schauspieler, der, wenn‘s schief läuft, sofort einen improvisierten Text parat hat: Als seiner Sprechstundenhilfe die Perücke verrutscht, baut er das sofort mit den Worten ein: „Wozu diese Aufregung? Warum immer diese falschen Haare?“ Und prompt reißt sich Sabine Unger die Perücke vom Kopf.

Grandios die Unger als spätes Mädchen, etwas spröde, aber absolut verlässlich. Sie hält ihrem Chef nicht nur in der Praxis den Rücken frei hält, sondern setzt sich auch privat für ihn ein, beziehungsweise lässt sich einsetzen – zunächst widerwillig, aber je weiter Julien das aberwitzige Rollenspiel treibt, desto mehr Gefallen findet sie an der Rolle der „Ex“, die mit ihrem vermeintlichen Lover im Club Chat noir die Nacht zum Tag macht.

Schrill bis zur Groteske Tonias D. Weber als Mann für alle Fälle, der sich für keine Albernheit zu schade ist.

Das Bühnenbild setzt auf Witz und Kontraste: Links das Himmelbett, rechts die schicke Designer-Arzttheke und über die Breite der Bühne eine querliegende Rolle Linoleum, über die fast jeder der Akteure stolpert. Der Soundtrack ein Bad der Gefühle von Albinonis einschläferndem Adagio bis zum Aufkreischen des Zahn-Bohrers, nostalgisch aufgehellt durch romantische Chansons von Adamo („Le petit bonheur“) bis Brel („La valse à mille temps“). Lachen bis der Arzt kommt und fetter Applaus.