Kultur

Meinung Winston Churchill wird beschmiert, Theodore Roosevelt soll ganz abgerissen werden – die Rassismusdiskussion hat die Erinnerungskultur erreicht

Sollen Denkmäler verschwinden?

In der Debatte über Rassismus und die Kolonialvergangenheit werden in diesen Tagen Denkmäler von Feldherren, Präsidenten und Staatsmännern angegangen und verunglimpft. Immer wieder wird auch gefordert, Denkmäler und Statuen, die die koloniale Vergangenheit glorifizieren, vollständig abzureißen und aus den Stadtbildern zu entfernen. Sollen die Statuen tatsächlich weg?

Pro - von Julia Wadle

Stehenbleiben, innehalten, gegebenenfalls eine Infotafel lesen und das Gesehene in den historischen Kontext einordnen: Diese Aufmerksamkeit bekommen Statuen nur, wenn sie es in einen Reiseführer geschafft haben. Dann bleiben Touristen und Touristinnen stehen, machen ein paar Fotos und gehen weiter. Aber wer schenkt Statuen in der eigenen Stadt diese Aufmerksamkeit?

Wir hinterfragen diese Figuren nicht, die unser Stadtbild prägen. Personen werden durch die meist überlebensgroße und herrschaftliche Darstellung glorifiziert – als könnte uns das Aussehen und die Kleidung der dargestellten Person zeigen, was diese Person ausmachte: gerechter Herrscher, innovativer Wissenschaftler – oder Unterdrücker von Minderheiten. Und wenn maximal eine kleine Tafel einen dargestellten Mann als glorreichen Feldherren betitelt, wird es verständlicherweise vielen Menschen schwerfallen, die Person richtig einzuordnen. Das leistet etwa die Zitadelle Spandau: In dem Berliner Museum werden Statuen, die von den Straßen entfernt wurden, ausgestellt, historisch eingeordnet und museumspädagogisch begleitet.

Unreflektierte und einseitige Statuen dürfen nicht stehen bleiben. Das eigenmächtige Stürzen von Statuen ist falsch, weil es der Gesellschaft vorwegnimmt, sich kritisch mit den Figuren auseinanderzusetzen. Vielmehr sollten die Statuen durch den Staat entfernt werden.

Wir dürfen niemals geschichtsvergessen werden. Niemals dürfen die Schrecken, die Nazi-Deutschland verursacht hat, verdrängt werden. Doch es ist unsere Aufgabe, auch den Rest der deutschen Geschichte aufzuarbeiten, wozu eben auch der Kolonialismus gehört. Wer nun sagt, dass wir mit den Statuen auch das Geschichtswissen aus dem Stadtbild entfernen würden, sollte lieber Museen als Mitglieder eines Förderkreises unterstützen und sich kritisch mit der Geschichte des Landes auseinandersetzen. Das ist schwieriger – wird aber der Geschichte gerecht.

Kontra - von Sebastian Koch

Ja, gerade in diesen Tagen, in diesen Monaten sind wir dabei, vieles zu hinterfragen. Wann kommen wir endlich zur tatsächlichen Gleichberechtigung von Mann und Frau? Wann haben Arme und Reiche endlich die gleichen Chancen? Was macht das Klima? Und: Wie drängen wir den Extremismus – von links genauso wie von rechts – zurück in die politisch bedeutungslose Ecke? Gerade meine Generation, also die 20- bis 30-Jährigen, ist bei der Beantwortung dieser Fragen gefordert. Gerade wir müssen unsere Stimme erheben gegen all die Gefährder unserer Demokratie und unserer Freiheit.

Aber: Wir dürfen dabei nicht den Fehler machen zu versuchen, jene unserer Vorfahren in unseren Städten vollkommen vergessen zu machen. Genauso wie es unsere Pflicht ist, dass sich Unterdrückung, Ausbeutung und Völkermorde nie mehr wiederholen, genauso ist es aber auch unsere Pflicht, aus diesen Fehlern zu lernen.

Das gelingt uns nicht, wenn wir Denkmäler, wie die von Feldherren, Präsidenten oder das von Winston Churchill, nun verunglimpfen oder gar stürzen – im doppelten Sinne. Vielmehr sollten uns diese Erinnerungen auch im Stadtbild als sichtbare Mahnung gegen Kolonialismus, Menschenhandel oder anderer Verbrechen erhalten bleiben.

Wäre es nicht viel sinnvoller, gerade mit Blick auf diese Denkmäler die Chance zu nutzen, durch visuelle Unterstützungen Erinnerungen vor Ort zu schaffen? Außerhalb von Museen. Kostenlos. Für jeden frei zugänglich (Stichwort: Chancengleichheit). Stellen wir doch an den Denkmälern Tafeln auf, die auch auf weniger glorreiche Taten hinweisen, ohne die glorreichen zu vergessen.

So gewinnen wir doppelt: Beim Betrachten des Denkmals lernen wir auch aus den Fehlern der Vergangenheit. Nehmen wir die Denkmäler als Plätze der Mahnung an – und vernichten die aus verschiedenster Sicht wertvollen Erinnerungen nicht völlig. 

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