Kultur

Schlossfestspiele Neubearbeitung fürs Theater von „Heidi“ / Regisseurin Karin Eppler erzeugt in Heidelberg mit Gegensätzen Spannung

Sonnenschein als Wirbelwind

Auf dem Heidelberger Schloss wickelt „Heidi“ ihren knurrigen Opa Alm-Öhi um den Finger. Denn dieses arme Waisenkind vermittelt das, was man eine positive Ausstrahlung nennt: Laila Richter spielt die Heidi und saust wie ein Wirbelwind und Sonnenschein zugleich durch die von Philipp Kiefer stimmig angerichtete Kulisse (auch Kostüme). Eine Kletterwand dient als Gebirge, hinter dessen Kamm die Geißen meckern, ehe sie wieder in der Sennerhütte zur nächtlichen Ruhe kommen.

Heidi, von der Schweizer Autorin Johanna Spyri als gleichermaßen sentimentale wie rührende Figur angelegt, bezieht dort ein Heulager, nachdem sie sich beim Alm-Öhi eingenistet hat. Und ihre Munterkeit wird zusätzlich von Jürgen Heimüllers Bühnenmusik befeuert.

Was nicht einfach war, denn der Alm-Öhi sträubt sich anfangs ziemlich heftig gegen die Vergrößerung seines schlichten Hausstandes. Weil er sein Eremitendasein hoch oben in den Bergen knapp unter dem lieben Gott liebt, nachdem ihn die Mitmenschen irgendwann in der Vergangenheit enttäuschten und verleumdeten, doch Massoud Baygan zeigt schnell, was für ein wackerer und im Grunde herzensguter Kerl er ist, wenn er sich beim Holzhacken ausgetobt hat. Kurzum: Wie ein Senner gewandet und mit weißem Bart ausgestattet, nimmt er sich der Kleinen an. Brot und Käse inklusive, und herzensgute Zuwendung ohnedies, kann er sich doch des Charmes seines plötzlich auftauchenden Mündels nicht entziehen.

Plastisch angelegte Figuren

Also ein reines Rührstück, vereinnahmt von Film, Funk und Fernsehen? Aber es steckt ja noch ein bisschen mehr drin als die (scheinbare) Idylle zwischen pfeifendem Murmeltier, plätscherndem, quellfrischem Holzbrunnen und frischer Ziegenmilch plus verstörendem Ausflug in die Metropole Frankfurt: Es geht um Erziehungsgrundsätze, Bildungsanforderungen, Gegensätze von Stadt und Land, Zuwendung und Strenge, Freiheit und Zwänge, Vorurteile und deren Überwindung.

Das alles baut Regisseurin Karin Eppler spielerisch ein, so dass die (vielen) Kinder ihre unmittelbare Freude haben und manch ein Erwachsener Stoff zum Nachdenken bekommt. Zumal nahezu alle Figuren sehr plastisch angelegt sind. Marcel Schubbe als munterer Geißenpeter mit Rucksack, Gerte und Tirolerhut und steife Gouvernante Rottenmeier ganz in Schwarz hat die so extrem unterschiedlichen Rollen gut drauf. Lea Wittig, mit Ringellöckchen und unschuldigem weißen Kleidchen als auf den Rollstuhl angewiesene Klara, der die Freundschaft zu Heidi und der Besuch auf der Alm zur Wunderheilung verhilft, rührt alle an. In variablen Mehrfachrollen gefallen auch Silvia Rhode und Stefan Wunder, denn es wird einiges Personal zwischen Pastor, Papa Sesemann, Diener, Tante und Oma gebraucht, um das Spiel bis zum Happy End zu bringen, und man darf die schnellen, unmerklichen Kostümwechsel bewundern.

Hauptfigur entwickelt sich wenig

Allerdings, legt man den Maßstab einer tiefergehenden Figurenentwicklung an, dann hat die Regisseurin, die auch die aktuelle Heidelberger Bühnenfassung verantwortet, ihre Heidi etwas eindimensional von der Leine gelassen. Sicher, sie darf vor Heimweh in Frankfurt auch einmal schluchzen und kokettiert gegenüber der so sehr auf Einhaltung des täglichen Zeitplans (14 Uhr: Spielen) pochenden Gouvernante mit Aufsässigkeit. Doch bleibt sie das sonnige Naturkind. Immerhin lernt sie brav Lesen und Schreiben und ermuntert auch ihren Geißenpeter, die örtlichen Bildungsangebote im Alpenland anzunehmen. Fortschrittlich gemacht und gedacht von Heidis Schöpferin Johanna Spyri.

Nach etwa 70 Minuten Spieldauer sind alle glücklich und zufrieden mit der wohlgelungenen Premiere, die ausverkauft war.