Kultur

Jagoda Marinics Corona-Tagebuch (mit Audio)

Soziale Energie

Archivartikel

Liebes Corona Tagebuch,

liebe Leserinnen und Leser,

heute geht es um „first world problems“, wie es im Englischen heißt. Boshafter: Jammern auf hohem Niveau. Meiner Meinung nach sind solche Formen der Selbsterkundung jedoch kein Jammern, sondern eine Form der Selbsterkenntnis, die Kräfte freisetzen kann, um ausgehend von den Privilegien, die man hat, für eine bessere Zukunft zu kämpfen.

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Die deutsche Corona-Erfahrung unterscheidet sich stark von der italienischen, beispielsweise. In Italien kämpfen viele Familien mit den Traumata, die es hinterlässt, wenn man seine Liebsten beim Sterben nicht verabschieden kann. In Deutschland, da die Opferzahlen geringer sind, stehen andere Fragen im Mittelpunkt: Der Soziologe Hartmut Rosa etwa beschreibt ein gemeinschaftliches Burn-Out. Vielen Menschen derzeit fehle die Energie, da sei eine Art Mehltau, der sich über sie gelegt habe. Über den US-Soziologen Randall Collins bringt Hartmut Rosa den Begriff „soziale Energie“ in den Diskurs.

Wir vergessen oft: Während des milden Lockdowns in Deutschland funktionierten weite Teile der Wirtschaft weiter, die soziale Energie wurde durch „social distancing“ radikal heruntergefahren. Es dauerte, bis man sich mit Online-Angeboten zu helfen lernte und dabei bemerkte: Das ist zwar eine schöne Erfahrung, aber die „soziale Energie“ ist eine völlig andere, wenn man sich gemeinsam einen Raum teilt. Hartmut Rosa weist zurecht darauf hin, dass wir gesellschaftlich vor allem Konzepte des Yoga oder der Esoterik bedienen, um von „Energie“ zu sprechen – soziologisch dafür aber keine klaren Begrifflichkeiten haben.

Wie lässt sich nachvollziehen, was uns die letzten Monate widerfahren ist? Fast jeder wird durch den Lockdown bemerkt haben, was für eine ungeheuerliche soziale Energie jede Stadt, jede Gesellschaft umsetzt. Plötzlich wurde die eigene Welt kleiner, die „lange Weile“ spielte wieder eine Rolle. Die Menschheit hat zwar kollektiv einen Umgang mit Corona gesucht, gleichzeitig war jeder durch die Maßnahmen auf sich geworfen. Einige erleben die Corona-Maßnahmen als Freisetzung von Energie, andere fühlen sich abgeschnitten von ihrer Kraft, weil sie sich durch Verbindung und Mobilität definieren. Es ist eine gute Zeit, sich selbst kennenzulernen und die Energie, die man einbringt, neu zu justieren. Bleiben Sie gesund!

Jagoda Marinic

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