Kultur

Späte Entdeckung

Klassische Musik war mir von klein auf ein Graus. Ich konnte weder mit dem Rhythmusgefühl noch mit dem Gestus – diese Worte kannte ich damals natürlich noch nicht – etwas anfangen. Zu starr, zu steif erschien mir das alles. Um wie viel verlockender war da die kunterbunte Welt der Popmusik. Beethoven begegnete mir in der Zeichentrickserie „Die Peanuts“: Da stand seine Büste neben dem Kinderklavier von Schroeder, dem Klassikpianisten. Was für ein Spießer! Die quirlige Peppermint Patty war doch viel besser. Oder der witzige Dreckbolzen Pig-Pen.

Die Kindheit endete für mich dann jäh, als Jimi Hendrix in mein Jugendzimmer einfiel. Und mit ihm die ganz Bande verwegen aussehender Bands: die Animals, Canned Heat, die Stones. Und wenn schon Klassik, dann musste es Strawinkys „Sacre du Printemps“ sein; das fetzte. Oder Debussys sinnliches „Prélude à l’après-midi d’un faune“.

Viele, viele Jahre später, als meine Hörerfahrungen durch massenhafte Jazz-Beschallung sensibilisiert wurden, entdeckte ich dann doch noch die Musik Beethovens. Es geschah eher zufällig. Ab einem gewissen Alter hört man im Autoradio Klassik. Und eines Tages hörte ich Streicherklänge, die ich nicht recht zuordnen konnte: sich reibende Stimmen, jäh aufbrandende Affekte, zupackende Rhythmusattacken, dann plötzliche Formstrenge und immerwährende weitgespannte dynamische Wechsel. Alles geprägt von einer suchenden Unruhe und tiefschürfenden Innerlichkeit. Es war eines der berühmten späten Streichquartette, Nr. 14 oder Nr. 15 aus den Jahren 1825/26. Musik, die aus der Zeit gefallen zu sein schien. Mitunter traditionsbeschwörend, meist aber visionär zukunftszugewandt. Beeindruckend. Sorry, Beethoven, dass es bei mir so lange gedauert hat.

Georg Spindler ist Mitglied des Kulturressorts dieser Redaktion. In der Kolumne „Mein Beethoven“ schreiben anlässlich seines 250. Geburtstages das ganze Jahr über Prominente über ihr Verhältnis zum Komponisten.

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