Kultur

Klassik Geiger Michael Barenboim solo in Mannheim

Spätfolgen des Niccolò Paganini

Archivartikel

Ein Parcours aus einem halben Dutzend Notenständern ist im Stamitzsaal des Rosengartens abzuschreiten: mit Luciano Berios – auch den Hörer – fordernder „Sequenza VIII“. Der Geiger Michael Barenboim hat sich viel vorgenommen in seinem Solistenrecital im Rahmen der Konzertreihe der Mannheimer Philharmoniker. Es ist ein instruktives italienisches Programm, als Überschrift könnte man „Paganini und die Folgen“ wählen. Barenboim hat es bereits auf Tonträger veröffentlicht, man spürt seine Vertrautheit.

Neben Berios eher aus dem Prallen, Vollen der sechs Notenständer schöpfenden „Sequenza“ sind auch Salvatore Sciarrinos „6 Capricci“ inbegriffen, die mit großem Virtuosentum das Reich des Pianissimo erkunden. Manchmal derart flüstergeigenhaft, dass selbst im kleinen Stamitzsaal nicht jeder Ton in jede Ecke dringt.

Doch Barenboim gibt diesen Tönen etwas ungemein Organisches, Naturlautartiges. Im vierten Stück zischen die Flageolett-Effekte wie die Pfeile eines Flitzebogens, und im sechsten meint man Regentropfen zu vernehmen, später Vogelzwitschern. Es ist Avantgarde-Musik, die sich mediterrane Leichtigkeit bewahrt, aber auf einen kleinen Teil der Hörer trotzdem strapaziös wirkt – denn nicht alle bleiben bis zum Schluss. Die Dagebliebenen sind dafür umso überzeugter.

Musiker als Charakterdarsteller

Barenboim verwöhnt sie außerdem mit „echten“ Klassikern. In der Sonate mit dem „Teufelstriller“, die dem Paganini-Vorläufer Tartini eingeflüstert worden ist, spürt man die Widerborstigkeit des Materials. Beim originalen Teufelsgeiger wird die Virtuosität auf dem Seziertisch untersucht: vergrößert und verlangsamt. Barenboim erweist sich dabei als Charakterdarsteller, die Sexten-Seligkeit des zugegebenen A-Dur-Capriccios (Nummer 21) etwa hat fast Wienerischen Weltschmerz.