Kultur

Nachruf Dirigent Michael Gielen mit 91 Jahren gestorben / Er prägte ab 1986 das Sinfonierorchester des heutigen SWR

Spezialist für Unaufführbares

Ein glühender Kämpfer für zeitgenössische Musik, der sich freilich auch im klassisch-romantischen Repertoire Respekt verschafft hat, ist von uns gegangen. Der deutsch-österreichische Dirigent Michael Gielen ist am Freitag mit 91 Jahren in seinem Haus in Mondsee/Österreich an den Folgen einer Lungenentzündung verstorben. Das teilte seine Familie dem öffentlich-rechtlichen Südwestrundfunk (SWR) mit. Obwohl Gielen in der Fachwelt vornehmlich als Sachwalter der Zweiten Wiener Schule um Arnold Schönberg, Alban Berg und Anton Webern, als musikalischer Repräsentant der Donaueschinger Musiktage gilt und das Inhalts- stets dem Repräsentationstheater vorgezogen hat, haben auch seine Beethoven- und Mahler-Interpretationen Referenzcharakter erlangt.

Erstes Aufsehen mit 22 Jahren

Michael Gielen wurde am 20. Juli 1927 in Dresden in eine Künstlerfamilie geboren, die 1940 der jüdischen Mutter wegen nach Argentinien emigrierte. Schon als 22-Jähriger erregte er Aufsehen, als er das komplette Klavierwerk Arnold Schönbergs aufführte. In Buenos Aires lernte er unendlich viel von den dort lebenden deutschen Exilanten wie Fritz Busch und Erich Kleiber und erhielt sein erstes Engagement am Teatro Colon, weil nur er bei Kleibers „Tristan“-Produktion mit der vertrackten Partitur zurechtkam.

Zurück in der Alten Welt debütierte 1950 der 23-jährige Kapellmeister Gielen an der Wiener Staatsoper sensationell mit Honeggers „Jeanne d’arc au bûcher“. Die ersten Chefdirigenten-Stellen an namhaften Häusern (Stockholm, Brüssel, Cincinnati) folgten. Internationales Aufsehen erregte Michael Gielen, als er 1965 Bernd Alois Zimmermanns bisher als unaufführbar geltende Oper „Die Soldaten“ zur Uraufführung brachte – übrigens gegen den erbitterten Widerstand des Gürzenich-Orchesters.

Zwischen 1977 und 1987 brachte Michael Gielen als Direktor der Frankfurter Oper sein Haus in die internationale Liga. Mit dem Operndramaturgen Klaus Zehelein und Regisseuren wie Hans Neuenfels und Ruth Berghaus schuf der unerbittliche Orchestererzieher und streitbare Analytiker unvergessliche Opernerlebnisse. Romantischen Überschwang fand man in seinen Interpretationen kaum, aber stets eine bemerkenswerte Ausdrucksstärke.

Mehrfach in Mannheim

1986 übernahm Michael Gielen die Leitung des SWF Sinfonieorchesters Baden-Baden, aus dem dann 1996 nach der sehr divergent diskutierten Fusion das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg wurde. Bis 1999 mehrte Gielen den Ruf des Orchesters als „wichtigstes deutsches Uraufführungsorchester“, wobei auch das starke Engagement bei den renommierten Donaueschinger Musiktagen beitrug. Bis 2012 dirigierte er den Baden-Badener Klangkörper mehrfach bei der SWR-Reihe im Mannheimer Rosengarten. In seinen letzten Lebensjahren arbeitete Gielen noch mit mehreren Berliner Orchestern und der Oper Unter den Linden eng zusammen. Erst 2014 legte er aus gesundheitlichen Gründen den Taktstock aus der Hand.