Kultur

Tanz Sasha Waltz’ neue Choreographie „Exodos“ begeistert im Berliner Radialsystem / Ideenreiche Verschmelzung unterschiedlicher Stilelemente

Spiel mit Gewohnheiten von Theaterbesuchern

Archivartikel

Seile, ein Plexiglaskasten und Kostüme, bei denen die Ärmel an der falschen Stelle herunterbaumeln: In ihrer Tanz-Performance „Exodos“ spielt die Choreographin Sasha Waltz mit verschiedenen Stilelementen und den Gewohnheiten von Theatergängern. So entsteht ein ungewöhnliches Stück, das die Tänzerinnen und Tänzer ihrer Truppe im Radialsystem in Berlin uraufgeführt haben.

Am Anfang ziehen mehrere Darsteller einen Tänzer an Seilen vom Boden bis fast unter die Decke der Aufführungshalle. Im dunklen Raum behindert Kunstnebel die Sicht. Allmählich betreten immer mehr Zuschauer den Saal, laufen herum, verteilen sich. Nebenan füllt sich ein zweiter Raum, der durch Türen mit dem anderen verbunden ist, ebenfalls mit Gästen. Feste Plätze gibt es nicht. Die Zuschauer stehen. Im zweiten Raum gibt es am Rand zumindest lange Sitzbänke.

Flucht als Thema

Zu dumpfen Tönen, teils auch Grollen bewegen sich die Darsteller durchs Publikum. Manche erinnern an Flüchtlinge, sie schleppen andere auf dem Rücken. Themen des Stücks sind Flucht und Utopien, das Überschreiten von Grenzen, die Ekstase und der wilde Tanz durch die Nacht. In der Aufführung, die zwei Stunden und vierzig Minuten dauert und keine Pause hat, ändern sich Tempo und Atmosphäre mehrfach.

Bewegungen wie in Zeitlupe

Die erste knappe Stunde kommt ohne erkennbare Tanzformation aus. Stattdessen bewegen sich Publikum und Darsteller umeinander. Im weiteren Verlauf konzentriert sich alles nur noch in einem Raum. Die Klangfarbe (Musik: Soundwalk Collective) wechselt. Es gibt eindrucksvolle Gruppenbilder mit und ohne Plexiglaskasten. Das Publikum wurde dafür vorher an den Rand geschoben. Darsteller zucken zu Electroklängen, bewegen sich wie in Zeitlupe oder wie überdimensionale Insekten. Am Ende bekommt die Truppe ausdauernden Applaus.

Tanzregisseurin Sasha Waltz feiert in diesem Jahr den 25. Geburtstag ihrer Gruppe. Die 55-Jährige selbst wird mit dem Choreographen Johannes Öhman künftig auch das Staatsballett Berlin als Doppelspitze führen. Öhman hat seine Arbeit kürzlich aufgenommen. Waltz startet ab der Spielzeit 2019/2020. „Exodos“ ist eine Koproduktion mit der Ruhrtriennale und wird im September auch in Bochum zu sehen sein.