Kultur

Klassik Staatsphilharmoniker läuten „Modern Times“ ein

Staatsphilharmonie lässt James Bond kurz grüßen

Es ist nicht weniger als die witzigste Versuchung, seit es „Modern Times“ gibt, das Festival der Deutschen Staatsphilharmonie. Der unfassbar tollpatschige Charlie Chaplin müht sich im Stummfilm „The Gold Rush“ (Goldrausch) von 1925 über 90 Minuten an einem normalen Leben mit den einfachsten Verrichtungen ab, und die auf ein Kammerorchester dezimierten Philharmoniker aus Ludwigshafen spielen unter Adrian Prabava dabei um ihr Leben.

Und sind vor fast (coronakonform) vollem Haus wahnsinnig dynamisch, rhythmisch, humorvoll und präzise. Jeder Pistolenschuss, jeder Hammerschlag, jeder Slapstick und, ja, (fast) jeder Walzerschritt der ekstatisch tanzenden Salongesellschaft in der alaskischen Goldgräberstadt wird in kristalliner Feinarbeit scharf gestellt. Chaplin entfacht musikalisch ein wildes Kompendium jener Musik, die er damals kannte: von Johann-Strauß-Anklängen über abgewandelte Leitmotiv-Zitate aus Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ bis hin zu Nikolai Rimski-Korsakows „Hummelflug“, der den wilden Schneesturm in den Ogilvie Mountains untermalt, wo es den Tramp diesmal in eine Hütte mit einem Verbrecher, einem Goldsucher und einem Bären verschlägt, was – wo sonst – im Chaos enden muss.

35 Jahre vor „Dr. No“

Aber der Komponist Chaplin hat wohl auch die Zukunft gehört und geschrieben. Immer wieder, in geschäftigen und spannenden Szenen, benutzt er zur Moll-Verfärbung den chromatischen Durchgang der Quinte zur großen Sexte und nimmt so schon Monty Normans weltberühmtes Bond-Motiv vorweg. Rund 35 Jahre vor „Dr. No“!

Insgesamt wirkt die von ihm immer nur skizzierte und von anderen ausarrangierte Musik nie avantgardistisch, sondern dient immer der filmischen Absicht. Dies aber sehr pointiert. Das aufkommende Massenphänomen Film erlebt mit „The Gold Rush“ einen ersten Höhepunkt. Der Film, den Chaplin als seinen besten ansah („Mit diesem Film möchte ich in Erinnerung bleiben“), schildert auf so spannende wie vergnügliche Weise den Klondike-Goldrausch Ende des 19. Jahrhunderts.

Es ist Intendant Beat Fehlmanns Verdienst, dass sich dieses Festivälchen dem eher unterhaltenden Genre geöffnet hat. Zurecht. Das Publikum sieht das ebenso – und jubelt.

Modern Times 2: 6.9., 17 und 19.30 Uhr, Capitol in Mannheim.

Modern Times 2: 9.9., 19.30 Uhr, Friedenskirche in Ludwigshafen.

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