Kultur

Geschichte Ausstellung "Zwei Millionen Jahre Migration" zeigt, dass Ein- und Abwanderung ein grundlegendes Phänomen ist

Ständig auf dem Sprung

Mettmann.Es ist düster im Untergeschoss des Neanderthal Museums im nordrhein-westfälischen Mettmann. Ein weißer Fadenvorhang eröffnet die Ausstellung. Darauf abgebildet ist die Frage: "Bin ich... Migrant - oder Nicht-Migrant?" Direkt dahinter zeigt sich die verblüffende Antwort: Wir alle sind Migranten.

In der Sonderausstellung "Zwei Millionen Jahre Migration" im Neanderthal Museum wird die aktuelle Thematik der Einwanderung zurück zu ihren Anfängen geführt. Das Projekt ist eine Kooperation zwischen dem Neanderthal Museum, der Universität Köln, dem Max-Planck-Institut für Menschengeschichte Jena und der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Gefördert wird die Ausstellung von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Stiftung Mercator.

Mobile Gestaltung

Der Raum ist in vier Abschnitte unterteilt, immer eingeleitet durch ein fast deckenhohes Leinwandbild, das die jeweilige Zeit widerspiegelt. So starten wir vor etwa zwei Millionen Jahren in Ostafrika. Der Homo erectus lebt hier bei trockenem und warmem Klima in einer Savannenlandschaft mit reicher Tierwelt. Er kann schon aufrecht gehen und durch die Entwicklung der Gattung Homo verändert sich sein Bezug zur Natur. Er versucht, sich einen Anpassungsvorteil zu verschaffen, indem er Nahrung und Rohmaterial für Werkzeuge sucht. Dadurch verlagert sich nach und nach sein Lebensmittelpunkt. Und vor etwa 1,6 bis 1,2 Millionen Jahren erreicht der Homo erectus so Südostasien und Spanien.

Diese Aufbruchsstimmung wollten die Wissenschaftler auch mobil gestalten. Deshalb findet der Besucher keine langen Fließtexte, sondern eine fast spielerische Darstellung. "Jede Population hat ein Reisegepäck", sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin Anna Riethus. Darin sieht man auf einen Blick, was diese Gattung auf ihrer Wanderung in das neue Gebiet mitbringt. Im Falle des Homo erectus sind das Werkzeuge wie Steine und Stöcke und auf der Speisekarte Wurzeln, Eier, Insekten und Früchte. Und noch etwas anderes hat diese Gattung im Gepäck: die Anfänge der Sprache. Mitten in diesem Abteil hängt ein Würfel, der alle W-Fragen schnell beantwortet. Also, wer ist wann wohin gewandert - und warum? Der Aufbau ist in jeder Zeitspanne gleich. Die Koordinatorin Miriam Haidle von der Forschungsstelle "The role of culture in early expansions of humans" (die Rolle der Kultur in den frühen Wanderungen des Menschen) bei der Heidelberger Akademie der Wissenschaften erklärt den Grund: "Das Design ist immer gleich und so sind die Unterschiede zwischen den Zeitsprüngen sehr deutlich."

Wandert der Besucher nämlich in das nächste Abteil, sieht er schnell, dass vor 200 000 Jahren im Osten Afrikas aus Vertretern des Homo erectus der moderne Mensch entsteht. Zur gleichen Zeit entwickelt sich in Europa der Neanderthaler und weiter östlich der Denisova-Mensch. Alle drei sind Jäger und Sammler - und sie begegnen sich durch die extremen Klimasprünge in ihren Lebensräumen und hinterlassen genetische Spuren beim jeweils anderen. So haben wir Gene, die unser Immunsystem stärken, beispielsweise vom Neanderthaler.

Alles eine Frage des Zufalls

Das verdeutlicht diese Sonderausstellung. Migration, die in der heutigen Zeit nicht nur positiv gesehen wird, gab es schon immer - und wird es wohl auch immer geben. Ohne die Neugier der Gruppen von damals hätten wir uns niemals weiterentwickelt. "Unsere Welt ist klein und wir werden immer wieder auf andere Menschen treffen. Niemand von uns ist reinblütig, jeder ist ein Mischmasch aus verschiedenen Einflüssen", sagt Wissenschaftlerin Haidle.

Dass all das nicht in unserer Hand liegt, wollten die Verantwortlichen auch optisch zeigen. Die Infotafeln sind in den vier Abteilen an quadratischen Holzkisten angebracht. Wie bei einem Würfel ist es also Zufall - zu welcher Zeit wir geboren werden, wo wir geboren werden und welche Population wann ausgewandert ist (und wohin). Letztendlich sind wir alle Migranten.