Kultur

Schauspiel Tanztheater dreht sich um Leistungsdruck

Ständiges Wiederholen

Archivartikel

Sich der vergeblichen Ausdauer, Anstrengung und Selbstbeherrschung bewusst zu sein, das ebnet für den französischen Philosophen Albert Camus den Weg ins absurde Denken. Für den absurden Künstler eröffnet der Weg eine Annäherung an seine nackte Wirklichkeit. „No pain big gain“ verhandelt die Zustände und Bedingungen einer Leistungsgesellschaft. Es geht den Performern nicht um die Philosophie des Absurden von Camus. Sie eignet sich aber für eine Sicht auf die verschiedenen Stücke.

Denn der ironische Titel „No pain big gain“ erzählt von blinden Aktivisten, die nur große Gewinne, aber keine Schmerzen kennen. In den vier Arbeiten der Choreographen, die zugleich ihre Stücke tanzen, wird diese ironische Losung aufgegriffen und jeweils anders durchgespielt. Als Fixpunkt dient ihnen eine Stahlplastik des in Mannheim ansässigen Bildhauers Rüdiger Krenkel.

„Käpsele“ nennt Krenkel zärtlich oder vielleicht doch ironisch seine große, aus einzelnen Stahlbögen geformte, Licht durchlassende, offene und zugleich wie eine geschlossene Samenkapsel wirkende Skulptur. Sie wird vom Künstler vor den Augen der Zuschauer im Bühnenraum an verschiedenen Orten platziert – mal von der Decke hängend, bald aufrecht stehend und später liegend. Diese Samenkapsel ist nicht nur für sich gesehen ein geniales Kunstwerk. Sie steht als Sinnbild und Metapher für den Kern, den Ursprung und das Leben. Darauf zu bewegt sich Brian McNeal, bis er neben dem Kern von Krenkel seine Kontrolle über die Bewegung zu verlieren scheint. Sucht und Pillen zur Steigerung der Leistung ist sein Thema.

Kreislauf aus Arbeit und Müdigkeit

Wieder geraten die Bewegungen und der Text außer Kontrolle, wenn aus dem „Off“ die Befehle „falsch“oder „noch mal“ die Performerin zwingen, wieder und wieder von Neuem zu beginnen. Elisabeth Kaul choreographiert entlang der Dichtung von Friedrich Rückert und lässt sein „Du meine Seele“ schmerzvoll und mit überzeugender Wucht aus dem Mund der Strauchelnden fahren.

Nichtsdestotrotz ist aber auch eine Haltung, die den Sisyphos kennzeichnet – Camus’ absurden Helden der Wiederholung. „I would do it all over again“ (zu Deutsch etwa: Ich würde das alles noch einmal machen) nennt Rafael Valdivie so ganz im Camuschen Sinne sein Stück über den Kreislauf von Arbeit und Erschöpfung. Und selbst in „Salesperson of the year“ (Verkäufer des Jahres) von Miriam Markl streben die Akteure, auch wenn sie scheitern. Krenkels Skulptur bleibt die alleinige Konstante dieser an den Forderungen sich erschöpfenden Akteure. Und was sagt Camus dazu? „Man erkennt seinen Weg, wenn man die Wege aufdeckt, die sich von ihm entfernen.“