Kultur

Literatur regional Hörisch über Luther und die Folgen

Sterbliche Allmacht?

Archivartikel

Dass Jochen Hörisch, langjähriger Mannheimer Professor für Literatur- und Medienwissenschaft, ein so wortgewandter wie geistreicher Autor ist, dürfte sich herumgesprochen haben. Und ebenso, dass ihn auch Fragen der Religion beschäftigen, wenngleich auf eher unkonventionelle Art. Von all dem gibt auch die jüngste Veröffentlichung des emeritierten Gelehrten ein anregendes Beispiel: „Kann ein allmächtiger Gott sterben?“, fragt der broschierte Band im Titel und geht sodann „Luthers Lust an Paradoxien und ihre(n) Folgen“ nach, wie der Untertitel verständlich ausführt.

Prägnanz zeichnet Hörisch eben auch in diesem Buch aus. Luther ist dabei das Eine, die Folgen ein Anderes, das am Beispiel jüngerer evangelischer Denker wie Schleiermacher und Albert Schweitzer verdeutlich wird. Das Paradoxe aber führt ins Zentrum der christlichen Religion und nicht nur einer Konfession: Immerhin geht sie vom leibhaftigen Gottessohn aus, der gekreuzigt wird und stirbt. Eine Lust am Paradoxen ist zudem der mittelalterlichen scholastischen Philosophie zu bescheinigen, die sich gerne mit spitzfindigen (Schein-) Problemen und Fragen beschäftigt hat.

Luther als Befreier von Angst

Pluralismus ist dem Autor lieber als Lehren von höchster göttlicher Einheit, und das besonders dann, wenn diese fundamentalistisch vorgetragen werden. Was wir haben sind große Worte; über ihr Verhältnis zur Wirklichkeit wissen wir nicht viel. Sicher aber ist eins: Die Sinnangebote sind heute zahlreich. Gegen Religion als solche spricht das aber auch in Hörischs Augen nicht.

Und was spricht für Luther, was macht der Autor an ihm fest? Er interessiert ihn als „Inkarnation des mitteleuropäischen Zeitgeistes um 1500“, als Denker, der „die Neuzeit von der Angst vor Paradoxien befreien will“, denn seine Kreuzes-Theologie kreise, so Hörisch, „geradezu obsessiv um das Paradox, dass der allmächtige Gott auch ein ohnmächtiger Gott sein muss“. Die Paradoxie wird in Hörischs Ausführungen als komplexe Denkform gewürdigt. Fundamentalisten, auch politische, erscheinen dagegen als Menschen, die es sich viel zu einfach machen.

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