Kultur

Stillgestanden

Archivartikel

Wer als Mensch einigermaßen aufrecht und unfallfrei durchs Leben kommen möchte, der braucht Rituale. Liebgewordene Gewohnheiten wie das Zähneputzen, das Mittagessen und bei manchen womöglich auch das Abendgebet gehören vielleicht dazu, um struktursicher den Weg durch alles Irdische zu finden. Wir als Freunde des öffentlich-rechtlichen Rundfunkwesens pflegen ein weiteres Ritual und gehören wegen des gesetzlich verfügten Monatsbeitrags zur Gruppe der ausgewiesenen Investoren in diesen Teil der Medienlandschaft. Das waren wir bisher umso klagloser, weil wir über den Äther einer unserer ganz speziellen Vorlieben nachgehen konnten: Wir hörten gerne die halbstündlich verbreiteten Staumeldungen des Deutschlandfunks. Und jetzt? Kaum sind die ersten Tage des Monats Februar verstrichen, leiden wir an Entzugserscheinungen: Der Kölner Sender hat zum 1. Februar seine Staumeldungen abgeschafft.

Er sagt uns nicht mehr, wenn es irgendwo auf irgendeiner Autobahn so richtig klemmt. Jetzt wissen wir nicht mehr, ob bei Halle an der Saale der Stillstand regiert, ob am Gambacher Kreuz, und vor allem wissen wir nicht, was sich gerade zwischen Mannheim und Heilbronn (oder umgekehrt) tut. Ob sich auf der kilometerlangen Dauerbaustelle mal wieder alles im Kreis dreht. Gerade die Horror-Meldungen aus der erweiterten Nachbarschaft im Kraichgau sorgten bei uns Daheimgebliebenen für ein bisschen häusliches Glück: Wie schön, dass wir uns jetzt nicht durch die Staus quälen müssen, dass es – mal wieder – andere trifft. Dieses wohlige Gefühl am Morgen hat uns der Deutschlandfunk jetzt genommen. Er schweigt zu allen Verstopfungen. Und das nur, weil wegen der Digitalisierung der Rundfunkwelt angeblich kein Bedarf mehr an dieser Form des Hörerservices besteht. Von wegen: Wir sinnen auf Rache – und wechseln den Sender. Harald Sawatzki

Zum Thema