Kultur

Rotary-Konzert Fünf Quartette begeisterten das Publikum beim Abschlusskonzert des JM-International Chamber Music Campus in Weikersheim

Streicheleinheiten für die Seele

Archivartikel

Streicheleinheiten für die Seele, dynamische Intensität und für klassische Kammermusik ungewohnte Instrumentierungen erlebte das Publikum beim Rotary Konzert im Rittersaal von Schloss Weikersheim.

Fünf Quartette, die zusammen mit neun weiteren Kammermusik-Ensembles aus aller Welt am 63. Internationalen Kammermusik Campus der Jeunesses Musicales Deutschland (JMD) teilgenommen hatten, sorgten für einen glanzvollen Abschluss des traditionsreichen Meisterkurses für Kammermusik.

Jedes Jahr versammelt der Kurs für zehn Tage vielversprechende Nachwuchs-Ensembles in Weikersheim. Dort arbeiten sie intensiv mit hochkarätigen Kammermusik-Professoren und erhalten so den letzten Schliff auf dem Weg zu ihrer Profi-Karriere. Völkerverständigung durch Musik – ein zentraler Bestandteil der JMD-Mission, wird in diesem Kurs beispielhaft verwirklicht.

In diesem Jahr waren als Dozenten das weltberühmte Weilerstein-Duo aus Boston angereist. Zudem war erneut das Cuarteto Casals aus Barcelona als Ensemble in Residence zu Gast. Auch der künstlerische Leiter des Kurses Heime Müller, ehemaliger Primarius des Artemis Quartetts, arbeitete selbst intensiv mit den Ensembles. Die Ergebnisse dieser Arbeit wurden beim Rotary Konzert wieder eindrücklich spürbar.

Den Auftakt des Konzerts machte das Alauda Quartett aus Spanien mit einem kurzen „Allegro“-Satz aus Haydns berühmten Streichquartett in D-Dur, op. 76/2. Voller Energie brachten sie den Rittersaal vom ersten Moment an zum Leuchten. Ihre Spielweise äußerst präzise, perfekt aufeinander abgestimmt. Das Niveau des Abends war gesetzt. Mit ganz andersartigen Klängen überraschte anschließend das Fukio Saxophonquartett. Die vier jungen Männer aus Spanien beenden derzeit noch ihr Kammermusik-Studium in Köln und können bereits auf beeindruckende Erfolge zurückblickend. Und dies ist nicht selbstverständlich für ein Ensemble dieser Instrumentierung. Saxophon-Quartette haben in der klassischen Kammermusik-Welt noch eine Sonderstellung und müssen sich ihren Rang unter den Streichquartetten und Klaviertrios hart erkämpfen. Fukio ist hierfür ein Paradebeispiel. Das von ihnen dargebotene Streichqartett Nr. 1 von Claude Debussy klang durch sie wie für Saxophone erschaffen.

Mit feinster Gestaltungskunst und unglaublicher dynamischer Differenziertheit umhüllten sie das Publikum mit Klängen aus fernen Welten. So manch einem mögen Bilder von fantastischen Wesen und Landschaften vor dem inneren Auge aufgetaucht sein. Mal behutsam und liebevoll, mal stolz und stark, dann flirrend und leichtfüßig ließen die Musiker die Farben durch den Raum klingen.

Verblüffend, welche Klangvielfalt mit diesen Instrumenten erzeugt werden kann. Dem Saxophonquartett gebührt ganz zurecht ein Platz inmitten der Kammermusik-Kunst, dies scheint nach diesem Erlebnis unwiderlegbar.

Von vergleichbarer dynamischer Intensität war das dritte dargebotene Werk: Béla Bartóks Streichquartett Nr. 2, op. 17, Satz 1 und 2. Hier beeindruckte das französische Quatuor Elmire, ebenfalls vier junge Männer, die bereits in eine erfolgreiche Karriere gestartet sind. Bartóks Musik fordert dem Hörer wie auch dem Spieler einiges ab. Leidende Melodien, kompromisslose Harmonien, eigensinnige Rhythmen, Klangexplosionen folgen auf Momente der Stille, in der der Atem stockt. Dass dabei nie die absolute Schönheit und Eleganz dieser Musik anzuzweifeln war, ist der technischen Raffinesse der hochbegabten Franzosen zu verdanken.

Nach der Pause wurde die Seele des Publikums mit einem tief romantischen Werk gestreichelt. Gabriel Faurés Klavierquartett Nr. 1 in c-Moll vereint perlende Klavierklänge mit vollen, warmen Streicherklängen. So entsteht eine einzigartige Klangkombination, die sich von den homogenen Streichquartetten auf interessante Weise abhebt. Es spielte das junge Quartetto Werther aus Italien. Besonders in Bann gezogen wurde man von ihrem Zusammenspiel und ihrer intensiven Art, miteinander zu kommunizieren und die Musik gemeinsam zu erleben.

Ganz andersartig die Musik des Abschlussstücks des Konzerts. Anknüpfend an den Konzertanfang erklang nochmals ein Haydn-Streichquartett – jedoch von einer neuen Dimension. Das Callisto Quartet bot dem Publikum das Gesamtwerk op. 77/1 mit allen vier Sätzen dar. Dabei vollbrachten die vier jungen Musikerinnen und Musiker aus Cleveland, USA, eine wahre Meisterleistung.

Mit perfekt wohlgeformtem Klang, farbenreich und immer höchst kultiviert, interpretierten sie die vier Sätze passend zu deren jeweiligen Charakteren. Besonders beeindruckend ihre virtuose Leichtigkeit bei enormem technischen Anspruch. Ein Quartett von Haydn, dem Vater aller Streichquartette (er komponierte im Laufe seines Lebens ganze 68) auf solche Weise zum Klingen zu bringen, stellt unstrittig die Königsdisziplin der Kammermusik dar. Das Publikum würdigte diese Leistung mit begeistertem, langanhaltendem Applaus.

Die Vielfalt und hohe Qualität der musikalischen Beiträge an diesem Abend stellte eindrücklich unter Beweis, welch immenses Können junger Nachwuchs-Ensembles es auf dieser Welt zu fördern gibt. Jedes Jahr wird dies aufs Neue möglich beim Internationalen Kammermusik Campus der JMD und dem Rotary-Konzert.

Die Förderung des Rotary Clubs Bad Mergentheim ist hierfür von großem Wert – in diesem Jahr, wie hoffentlich in vielen weiteren Jahren! Franziska Spohr