Kultur

Finaltag bei "Rock am Ring"

Streitbares Ende, kolossaler Schlussakkord

Archivartikel

Es bleibt dabei: Auch am dritten und letzten Tag von „Rock am Ring“ lässt sich über das Programm und seine Wirkung trefflich streiten. Denn nachdem „Muse“ bereits am zweiten Tag die Ehre einiger Erwartungsträger retten musste, sollten die gut 70.000 Besucher an der Traditionsrennstrecke auch zum Finale noch einmal auf musikalische Leistungen treffen, über die sich zumindest diskutieren lässt. Doch von Anfang an.

Zwischen Müdigkeit und Willenlosigkeit

Während die gute halbe Stunde mit den beiden Indie-Mädels von „Gurr“ relativ unbeachtet versandet, bringen „Alma“ und „Pvris“ zwischen Party Pop und Radio Rock die erste Bewegung in eine Meute, die deutlich träger als in den Tagen zuvor ins Rennen startet. Der maritime Blues von „Seasick Steve“ bringt auf der Crater Stage immerhin die ersten Mannen zum Schunkeln und bereitet damit auf höhere Aufgaben vor.

Die nehmen die Jungs der „Bloody Beetroots“ denn auch persönlich. Denn statt ihren Electrocore nur musikalisch brachial durch die Boxen schallen zu lassen, beehren Bob Rifo und Tommy Tea die Masse mit Stroboskopgewittern und meterhohen Spagatsprüngen, die nur durch die wilden Bühnenfluchten in Richtung Publikum noch getoppt werden können. Eine ebenso wegweisende wie kraftstrotzende Performance an einem Tag, der den Bühnenenthusiasmus nicht gerade auf die hungrigen Zuhörer regnen lässt.

Während sich „Trailerpark“ und „Raf Camora“ auf der Crater Stage zwischen Indie-Hip Hop und Dancehall sichtlich ermüden, fällt auch „Bad Religion“ und „Good Charlotte“ vor eigentlich vollen Rängen nicht mehr viel ein. Vor allem das schwache Set der Pop-Punk-Pioniere aus Maryland schmerzt die treuen Fans doch sehr. Denn was als Versuch eines Beweises der Zeitlosigkeit ihres Werkes startet, wird stattdessen ein zahmes Best Of, das man keineswegs krönungsbedürftig nennen kann.

Zwei Headliner, wenig Substanz

Ähnliches lässt sich – leider – auch über die beiden Aushängeschilder des Tages sagen. Denn obwohl sie als Headliner die Massen mit Qualität an sich binden sollten, erfüllen weder die „Foo Fighters“ noch die „Gorillaz“ die Erwartungen. Bei den „Foo Fighters“ hat das trotz einsamer Rekordkulisse einen entscheidenden Grund – und der heißt Dave Grohl. Zwar genießt der Frontmann des Quintetts aus Seattle den Zuspruch durch die Massen sichtlich, doch strauchelt seine Stimme schon nach 15 Minuten so stark, dass die kommenden 130 zur kehligen Qual werden. Am Ende müssen die Hard Rocker ihr Set sogar 25 Minuten vor dem eigentlich geplanten Schlussakkord ohne jegliches Feuerwerk oder Konfetti beenden – für „Rock am Ring“-Verhältnisse fast schon ein Traditionsbruch. Da sind all jene, die sich zeitgleich in das Bad zwischen Progressive Metal („Baroness“) und fulminantem Metalcore („Caliban“) versenken, deutlich besser bedient. Was man zum Kehraus auch über das thematische Kreuz zwischen den „Gorillaz“ und „Meshuggah“ behaupten kann. Denn während die Jungs um Stuart Pot in ihrer Hilflosigkeit zwischen Indie Rock und Alternative mehrfach rettungssuchend die Arme in Richtung Publikum ausstrecken, ist die gute Stunde mit dem Metall-Schwergewichten aus Schweden ein Fest aus Licht und Wucht, das all jenen, die es vor der Heimfahrt noch einmal wissen wollen, einen kolossalen Schlussakkord beschert. Welch eine Wohltat!