Kultur

Torturmtheater Sommerhausen Theresa Walsers „Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm“

Streitstück übers Theater und Rollenauffassungen

Archivartikel

Ort der Handlung ist ein Fernsehstudio, die Zeit eine Stunde vor Beginn einer Talk-Show, in der drei Schauspieler mitwirken, von denen zwei Hitler und der andere Goebbels gespielt haben. Indirekt geht es um diese zwei, die in der Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert wesentliche Rollen gespielt haben.

Doch unmittelbar geht’s in diesem Theaterstück „Ein bisschen -Ruhe vor dem Sturm“ der 50-jährigen Theresia Walser ums Theater.

Und so geraten sich diese drei Schauspieler rund eine Stunde lang in die Haare, wohl wegen Hitler und Goebbels, aber im Grund wegen ihrer unterschiedlichen Auffassung vom Theater im Allgemeinen und von Rollenauffassungen im Besonderen.

„Ruhe“ und „Last Exit“

Eine Black Box mit sieben Stühlen, auf deren hinterer Wand in roter Schrift „Ruhe“ und links in grüner Schrift „Last Exit“ zu lesen sind, das ist das Bühnenbild von Angelika Relin, die für die Ausstattung verantwortlich zeichnet.

Die drei Schauspieler tragen olivgrüne Uniformen, deren Hosen in Stiefeln stecken. Der eine Hitler-Darsteller heißt Franz Prächtel, der andere Peter Söst, der Goebbels-Darsteller trägt den Namen Ulli Lerch. Zu Beginn wird die für das Folgende wenig bedeutsame Frage gestellt: „Sitzen wir schon?“. Am Ende heißt es dann: „Sitzen wir schon oder kommen wir erst herein?“.

Dazwischen kommt man vom Hundertsten ins Tausendste – und das einerseits hinsichtlich der historischen Gestalten Hitler und Goebbels, andererseits aber, und das in erster Linie, bei den Fragen, die sich ums Theater drehen.

Drei-Personen-Stück

Und so ist das Drei-Personen-Stück auch weniger politischer, sondern mehr theatertheoretischer Natur. Dabei lässt auch Thomas Bernhard mit seinem „Theatermacher“ grüßen, Franz Prächtel erzählt, wie er 1973 in Ingolstadt den Faust gespielt hat, ohne zu versäumen, über die „Drecks“-Stadt zu schimpfen.

Peter Söst berichtet, wie sich Prächtel „in den Hitler hineingelebt“ hat und wie Adolf Hitler Franz Prächtel geworden ist.

Ulli Lerch erinnert sich an Göttingen, wo er einen von sieben Hamlets gespielt hat.

Er plädiert dafür, die Trennung zwischen Bühne und Zuschauerraum aufzuheben, und setzt sich für die Bestrebungen des modernen Regietheaters ein. „Regie ist herrische Geistlosigkeit“ entgegnet Franz Prächtel, der behauptet: „Ich habe nie unter einem Regisseur gearbeitet“ und hinzusetzt: „Wohin soll das führen, wenn alle Schauspieler Regisseure werden?“.

Vertreter der alten Schule

Als Vertreter der alten Schule zitiert er Texte aus Goethes „Faust“ und Heinrich von Kleists „Prinz Friedrich von Homburg“.

Dann streiten sich er und Peter Söst um die richtige Hitler-Darstellung und er bekennt: „Ohne Schweizer Pass hätte ich Hitler nie gespielt“.

Das Ganze ist ein unterhaltsamer Disput, in erster Linie um die Möglichkeiten des Theaters und dessen Sinn und Zweck, der lohnende Aufgaben für komödiantische, wandlungsfähige Schauspieler bereithält.

Und die stehen im Torturmtheater Sommerhausern noch bis 6. Oktober auf der kleinen Kammerbühne.

Glaubhaft und überzeugend

Der 78-jährige Hans Hirschmüller verkörpert als Franz Prächtel glaubhaft und überzeugend den auch einem gewissen Pathos nicht abholden Mimen der alten Schule, der seine Meinung mit Nachdruck vertritt und dem man auch die aus seiner Sicht richtige und stimmende Interpretation des Hitler abnimmt.

Durchaus auch erfahren, aber verbindlicher gibt der 58-jährige, aus den TV-Serien „Marienhof“ und „Sturm der Liebe“ bekannte Christian Buse den Hitler-Darsteller Peter Söst, der diese Figur offensichtlich ganz anders, aber auch mit Erfolg, angelegt hat als sein Kollege.

Entscheidende Akzente gesetzt

Als Goebbels-Darsteller Ulli Lerch ist der 52-jährige Stefan Wilhelmi von dem Streit, wie man denn nun Hitler spielen soll, nicht unmittelbar betroffen.

Dagegen setzt er als Apologet des sogenannten modernen Regietheaters – „Der Theaterabend beginnt mit einer Fußwaschung des Publikums“ (was immer das auch sein mag!) – entscheidende Akzente bei „Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm“, einer sehens- und hörenswerten Aufführung im Torturmtheater Sommerhausen. Regie führt Ercan Karacayli. Dieter Schnabel