Kultur

Jagoda Marinics Corona-Tagebuch (mit Audio)

Stuttgart aufbauschen

Liebes Corona-Tagebuch,

liebe Leserinnen und Leser,

ich kenne Stuttgart als Jugendliche, nur war es damals in Stuttgart, bis auf ein paar coole Bars und Kneipen, noch fast dröger als jetzt unter den Corona-Beschränkungen. Die Ereignisse in Stuttgart sind erschreckend, ja. Aber sind sie wirklich, wenn man die vergangenen Wochen betrachtet, so erschütternd? Die Autorin Anna Katharina Hahn schreibt gar: „Meine Stadt hat ihre Unschuld verloren.“ Wenn jemand so etwas schreibt, frage ich mich, wie gut er „seine Stadt“ eigentlich kennt; kennt er nur die ruhige Hanglage der Stadt, von wo aus man einen romantischen Blick auf den Kessel hat und gepflegte Gespräche?

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Was Stuttgart jetzt nicht braucht, ist eine Bundesrepublik, die sich besorgt über den Kessel beugt und fragt: „Was hat sie nur, die schwäbische Stadt.“ Als läge sie auf dem OP-Tisch. Die Polizeigewerkschaft wettert nun gegen die Stadt, super, es braucht jetzt noch mehr Lager, macht Sinn! Auch das Selbstbewusstsein vieler Akteure, den Tätern jetzt einem Milieu zuzuordnen, finde ich erstaunlich, wurden doch von den ungefähr fünfhundert Randalierern nur 26 gefasst. Jegliche Pauschalaussage über Täter ist dadurch zum jetzigen Zeitpunkt unseriös.

Auch die Behauptungen, es handle sich hier um ungekannte Gewalt. Wirklich? Oder kennt man die Gewalt nicht, weil sie zuvor nicht durch die sozialen Medien gejagt wurde wie eine Trophäe? Die Bilder, die jetzt bekannt werden, blieben früher verborgen. Ähnlich wie bei George Floyd: Plötzlich zücken Menschen in Schreckensmomenten ihre Handykamera. Doch so wie Floyd nicht der Erste war, der unter einem Polizeigriff starb, wird vieles, was wir jetzt durch Handy-Beobachter zu sehen kriegen, nicht das erste Mal sein.

Die Ereignisse in Stuttgart sind eine Chance, endlich über den öffentlichen Raum zu sprechen: Wie gehen deutsche Städte mit ihren öffentlichen Plätzen um? Wenn sich wochenlang aggressive Gruppen versammeln, warum lässt man das geschehen? Was bietet man stattdessen? Die Aggression der jungen Männer sollte niemanden überraschen. Der Lockdown hat ihre Energie für Wochen in Wohnungen gepfercht. Jugendzentren, Clubs und Fitnessstudios waren zu. Das ist keine Entschuldigung, aber es erklärt, weshalb man Stuttgart auch in Verbindung mit Corona lesen muss. Bleiben Sie gesund!

Jagoda Marinic

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