Kultur

Symbol für die Möglichkeit des Unmöglichen

Archivartikel

Ein langer Weg endet. Die neue Kunsthalle Mannheim präsentiert den Fotokünstler Jeff Wall – und sollte ein Ort der Vielfalt, ein Haus für alle Menschen werden.

Liebe Leserinnen, liebe Leser

Erinnern Sie sich? Als die neue Kunsthallendirektorin Ulrike Lorenz im Jahr 2009 vorschlug, den alten Neubau von Hans Mitzlaff abzureißen und ein neues Gebäude zu errichten, dachten viele: Das ist verrückt. Das klappt nie. Das kann Mannheim sich nicht leisten. Nur acht Jahre sind seitdem vergangen, und da steht sie nun, die neue Kunsthalle, der wir hier 16 Seiten widmen. Vielleicht ist der heutige Tag nicht unbedingt ein historischer für die Stadt, wohl aber ist er historisch für die Kunst und ihren Ausstellungsort.

Das vor allem vom Ehepaar Josephine und Hans-Werner Hector ermöglichte Gebäude präsentiert sich mit seinem interessanten Innenleben als Stadt in der Stadt, als großes, urbanes Tor in die Welt der Kunst. Dies aber nur zum Einen. Wir sollten das Bauwerk auch als Symbol sehen, als Symbol dafür, niemals nie sagen und Visionen zugunsten schnöder Wirklichkeiten aufgeben zu dürfen. Hier ist nämlich das scheinbar Unmögliche möglich geworden. Und wo, liebe Leserinnen und Leser, wenn nicht im Kosmos von Kunst und Kultur, sollten die Menschen träumen, fantasieren, neu denken!

Wir wollen und dürfen aber auch nicht verschweigen: Der Weg war kein leichter. Vor allem der Anfang. Mehr als 40 Foren und Diskussionen waren nötig, um engagierte Bürger einigermaßen mit der Idee des Neubaus anzufreunden. Die Kritik machte sich im Wesentlichen an der schmucklosen Fassade fest. Der Architekt Nikolaus Goetze beschreibt den Beteiligungsprozess im Interview (Seite 12/13) als lehrreich und sehr wichtig. Städtische Großprojekte tangieren eben schnell die Sphäre von Demokratie und fragen: Wie sind sie unter welcher Art von Bürgerbeteiligung gut umzusetzen?

Viele der Kritiker waren für einen Neubau an einem anderen Ort, andere wollten Mitzlaffs Kunsthalle sanieren. Und nicht wenige erhofften sich von einem Neuanfang den vielzitierten „Bilbao-Effekt“ in der nordspanischen Stadt mit dem Guggenheim-Museum, was meint: Die Welt schaut auf einen Ort spektakulärer Architektur. Spektakulär ist Mannheims Kunsthalle in jedem Fall auch. Von innen. In ihrer Hülle gut versteckt nimmt sie sich aber außen zurück. Auch das ist vielleicht spektakulär zu nennen.

Deutschlands Kulturszene befindet sich ja aktuell in einem Prozess sozialer, kultureller und generationeller Zersplitterung. Da ist es nicht selbstverständlich, ein Kulturgebäude dieser Größe zu errichten. Dass es in Mannheim gelungen ist, darf die Bürger stolz machen.

Nach der Bauübergabe an die Stadt im Dezember 2017 und der mitreißenden Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat das Warten nun ein Ende. Jeff Wall ist da. Seine Bilder sind sensationell. Aber nicht nur das. Sie knüpfen auch an die Tradition des Hauses an, stellen sie doch einen wichtigen Brückenschlag zwischen den Gattungen her und eben auch zur Mannheimer Sammlung. Oft bezieht Wall sich auf den Maler Édouard Manet, dessen „Erschießung Kaiser Maximilians von Mexiko“ Mannheims edelstes Stück ist.

Nun also heißt es: Bühne frei für die Kunst. Hoffen wir, dass dieser Bau ein Ort der Vielfalt wird, ein Ort für alle Leute – egal woher, egal ob jung oder alt. Denn: „In diesem Haus geht es um den ganzen Menschen mit all seinen Sinnen.“ So sagt es Ulrike Lorenz im Interview nebenan. Wer will da widersprechen! Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Lesen!

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