Kultur

Musiktheater Richard Wagners „Lohengrin“ an der Staatsoper Stuttgart / Cornelius Meister beginnt seine erste Spielzeit als Generalmusikdirektor überwältigend

Szenisch ohne Spannung – aber schön anzuhören

Archivartikel

Der Anführer, der starke Mann. Einer, der die Menschen beschützt. In Richard Wagners Oper „Lohengrin“ ist es der Schwanenritter, der quasi vom Himmel fällt, um die Brabanter gegen die feindlichen Hunnen zu verteidigen und dazu noch Elsa eheliches Glück zu schenken. In Árpád Schillings Lohengrin-Inszenierung, der ersten Premiere der Staatsoper Stuttgart unter der Intendanz von Victor Schoner, ist der edle Ritter ein bärtiger Zausel mit Parka, der nicht ganz freiwillig hineingestoßen wird in die Rolle des Retters. Dem Volk ist es gleich – Hauptsache, es findet sich einer, der den Job übernimmt.

Árpád Schilling, künstlerisch sozialisiert im postsozialistischen Ungarn der 90er Jahre, konzentriert sich auch im „Lohengrin“ auf gesellschaftliche Zusammenhänge. Die Oper spielt in einem schwarzen, nach hinten abfallenden Stollen, Requisiten gibt es außer ein paar ausgestopften Schwänen kaum.

Karikatur eines Parteifunktionärs

Graf Telramund sieht aus wie die Karikatur eines sozialistischen Parteifunktionärs, mausgrau gewandet sind auch die Brabanter, mit Ausnahme des Königs Heinrich: ein Zweireiher mit Goldknöpfen genügt ihm als Ausweis besseren Standes. Im dritten Akt erscheint das Volk in bunten Freizeitklamotten, weniger kriegs- als konsumbereit. Umso bitterer ist seine Enttäuschung als es erfährt, dass Lohengrin wieder zurück muss zu seinen Gralsrittern, weil Elsa ihr Versprechen gebrochen hat: ihn nicht zu fragen, wer er ist und woher er kommt.

Das alles ist schlüssig gedacht und handwerklich sauber gemacht, bleibt szenisch aber über weite Strecken reiz- und spannungslos. So viel geschritten und gestanden wurde lange nicht auf der Stuttgarter Opernbühne, gerade der Chor wirkte mitunter komplett alleingelassen.

Dass diese Premiere am Ende dann doch stürmisch bejubelt wurde, liegt an ihrer musikalischen Qualität. Herausragend aus dem durchweg hochklassigen Sängerensemble waren Simone Schneider (Elsa), Okka von der Damerau (Ortrud) und Martin Gantner (Telramund). Martin Königs Tenor (Lohengrin) fehlte es zu Beginn etwas an Höhenglanz.

Der Staatsoperchor sang wie beflügelt, offenbar inspiriert vom neuen Generalmusikdirektor Cornelius Meister, dessen Debüt nachgerade überwältigend war. In den letzten Jahren dirigentisch nicht eben verwöhnt, zeigte das Staatsorchester, was in ihm steckt. Klangliche Sensationen dieser Art hat man an diesem Haus seit Jahrzehnten nicht mehr gehört: irisierende, wie mit dem Silberstift gezogene Streicherkantilenen, delikateste Abschattierungen der Bläser, eingebunden in einen edlen, homogenen, niemals statisch wirkenden Gesamtklang. Ein Fest. So darf es weitergehen in Stuttgart.