Kultur

Nachruf Johann Kresnik, von 1979 bis 1989 Ballettchef am Heidelberger Theater, stirbt mit 79 Jahren in Klagenfurt

„Tanzberserker“ auf politischer Mission

Archivartikel

Kampfeslustig bis zuletzt: Noch vor zwei Wochen hatte „Tanzberserker“ Johann Kresnik in Wien das ImPulsTanz-Festival eröffnet. Mit einer gewohnt blutrünstigen Neuinszenierung seines schon bei der Heidelberger Premiere 1988 umstrittenen Ballettdramas „Macbeth“, bei dem der mysteriös in der Badewanne verstorbene CDU-Politiker Uwe Barschel an den schottischen Königshof des 11. Jahrhunderts versetzt wird.

Nun trauert die Ballettwelt um ihren radikalen Pionier: Der am 12. Dezember 1939 in Kärnten geborene Choreograph, Tänzer und Regisseur ist am Samstag im Alter von 79 Jahren in Klagenfurt gestorben. Das teilte seine Vertraute, Heide-Marie Härtel vom Deutschen Tanzfilminstitut in Bremen, der Deutschen Presse-Agentur mit.

In der Hansestadt hatte Kresnik 1968 seine Karriere als Ballettmeister begonnen und zehn Jahre lang für Furore gesorgt – genau so lange wie am Heidelberger Theater, wo er von 1979 bis 1989 Ballettdirektor war und seine meist drastische Arbeit an der Grenze von Tanz und Schauspiel verfeinert hat. Dafür hatte er schon in Bremen den Begriff „choreographisches Theater“ gefunden.

Bilder wie bei Rammstein

Seine insgesamt rund 100 Tanz- und Theaterwerke riefen oft Skandale hervor, weil Kresnik grausame Bilder jenseits aller herkömmlichen Ballettästhetik schuf, wie sie heute etwa in Videos der Band Rammstein im Pop-Mainstream üblich sind. Dass das provokante Blutbad-Bühnenbild seiner letzten Arbeit in Wien vom ähnlich radikalen Künstler Gottfried Helnwein stammt, zeigt: Der Kommunist und Atheist Kresnik, der Theater mitsamt der tanzenden Körper als Waffe im gesellschaftlichen Kampf verstand, blieb sich bis zum Schluss treu. Das alles diente dazu, seine politischen und gesellschaftskritischen Botschaften mit Vehemenz auf die Bühne zu bringen.

Sein Blick ging nicht nur politisch über den Tellerrand des Bühnenkosmos hinaus: 1980 inszenierte er mit „Familiendialoge“ einen Text des Heidelberger Psychiaters Helm Stierlin, einem Wegbereiter der systemischen Familientherapie, – und führte darin radikal die Folgen des Nationalsozialismus vor. Wohl auch als Selbsttherapie: Als Dreijähriger soll er gesehen haben, wie slowenische Partisanen seinen Vater, einen Wehrmachtssoldaten, erschossen haben. Außerdem ließ er häufig Biografien tanzen – das Spektrum reichte von „Ulrike Meinhof“, „Gudrun Ensslin“ und „Rosa Luxemburg“ über „Ernst Jünger“ oder „Picasso“ bis zu „Hannelore Kohl“.

Auch in Mannheim war Kresnik zu erleben: 1998 mit „Brecht“ und 1988 mit „Germania – Tod in Berlin“. Nach Heidelberg kehrte er 2012 mit der spartenübergreifenden Inszenierung „Sammlung Prinzhorn“, die Bilder psychisch erkrankter Künstler präsentiert, zurück, wo ihm in der Stadtbibliothek die Ausstellung „Johann Kresnik – Die Heidelberger Jahre“ gewidmet wurde. Zuletzt inszenierte der Tanz-Pionier dort 2015/16 dort die Uraufführung von Johannes Kalitzkes Oper „Pym“. Kresnik wurde 1939 in St. Margarethen in Kärnten geboren. Er begann seine Laufbahn als Tänzer in Graz und Köln, bevor er Choreograph wurde. Nach seiner wirkungsmächtigen Zeit in Heidelberg leitete er auch die Tanzsparten in Bonn und an der Volksbühne in Berlin. (mit dpa)

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