Kultur

Online-Konzert im Mannheimer Ella & Louis

Thomas Siffling spielt Chet Baker: Klassiker mit neuer Strahlkraft

Mannheim.Große, bekannte Melodien sind zweischneidige Schwerter. Natürlich kann man damit leicht eine Verknüpfung zwischen Musikern und Zuhörern schaffen. Aber umso schwerer fällt es, einen Klassiker gleichsam auf Null zurückzusetzen, ihn nicht als eine von vielen Song-Inkarnationen zu Gehör zu bringen, sondern mit neuer, unverbrauchter Strahlkraft auszustatten. Trompeter Thomas Siffling und seinen drei musikalischen Mitstreitern gelingt dieses nicht geringe Kunststück mit Richard Rodgers Jazz-Standard-Ballade „My Funny Valentine“, das hier leicht und lyrisch, wie auf Samt, fäll: Nicht nur Sifflings Tonführung selbst ist von elaborierter Eleganz, vielmehr fängt sie ebenso die warme Melancholie ein, die zwischen den Noten ruht und atmet, und verbindet sich dabei harmonisch mit dem so raffiniert transparenten wie fesselnden Spiel der Band.
Mit „My Funny Valentine“ folgt Siffling zugleich den Spuren eines seiner großen Vorbilder – des US-amerikanischen Trompers Chet Baker, der das Stück erstmals Anfang der 1950er eingespielt und schlechterdings zu dem Klassiker gemacht hatte, der es heute ist. „Thomas Siffling plays the Music of Chet Baker“ markiert das zweite von drei Online-Konzerten, die im Kultur-Lockdown per YouTube-Steam live aus dem Mannheimer Jazzclub Ella & Louis übertragen werden - dessen musikalischer Kurator Siffling auch ist. Mit Thilo Wagner am Piano, Joel Locher am Kontrabass und Oliver Strauch am Schlagzeug hat er eine erlesene Band-Runde zusammengestellt, die gemeinsam mit ihm einst von Baker interpretierte Stücke wie „Soft Winds“, das wunderbar vielfarbige und verspielte Kapriolen schlagende „Autumn Leaves“, „Everything Happens To Me“, „You'd Be So Nice To Come Home“, „How High the Moon“ und zum Abschluss das temperamentvoll groovende Miles-Davis-Stück „Solar“ kongenial in Töne setzen. Man vermisst den Applaus, der im Publikums-leeren Club nicht widerhallen kann. Aber immerhin würdigen dafür zahlreiche Beifall-Symbole im YouTube-Live-Chat einen formidablen Konzertabend.
Ella & Louis führt Reihe fort

Mit den November-Veranstaltungen führt das Ella & Louis die Reihe seiner im Frühjahr während des ersten Corona-Lockdowns begonnenen Online-Konzerte forte. Konnten die damaligen Auftritt noch umsonst ansehen werden, müssen diesmal kostenpflichtige digitale Eintrittskarten gelöst werden. Die gibt es regulär für 18 Euro, es können allerdings auch Soli-Tickets bis 50 Euro erworben werden, um die Kulturschaffenden zusätzlich zu unterstützen. Den Auftakt hatten eine Woche vor dem Chet-Baker-Abend die Sänger Maren Kips und Darius Merstein-MacLeod bestritten, fortgesetzt wird die Reihe am kommenden Freitag, 27. November, um 20 Uhr, mit Alexandra Lehmler am Saxofon, Laurent Leroi am Akkordeon und Matthias Debus am Bass, die erstmals als Trio zusammen musizieren - unter dem programmatisch einladenden Titel „La vie est belle“: Das Leben ist schön.

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