Kultur

Theaterhaus Stuttgart Aufführungen zu Ehren des 75-jährigen Egon Madsen

Toller Tanzabend für eine Legende

Spät, aber keinesfalls zu spät fand in Stuttgart, in der Stadt, die im Grund heute noch seine künstlerische Heimat ist, ein Ballettabend zu Ehren des am 24. August 1942 in Ringe auf der Insel Fünen geborenen, jetzt in der Toskana lebenden Egon Madsen statt. Denn 1961 engagierte John Cranko den Dänen als Gruppentänzer für das Stuttgarter Ballett und machte ihn bereits ein Jahr später zum Solisten. 20 Jahre lang blieb der Premier danseur, kehrte 1990 wieder zurück, zuerst als Ballettmeister, dann als stellvertretender Ballettdirektor, und schließlich noch einmal 2007, diesmal ans Theaterhaus Stuttgart, als Coach von Gauthier Dance. Und im Theaterhaus fand auch „Ein Tanzabend für eine Legende“ statt: Egon Madsen zum 75. Geburtstag.

Nicht wenige Weggefährten des Jubilars befanden sich im Zuschauerraum, als Egon Madsen auf der Bühne wieder einmal im Mittelpunkt stand. Er, der zwischendurch Direktor des Frankfurter Balletts, des Königlichen Schwedischen Balletts und des Teatro Communale in Florenz war, Ballettmeister in Leipzig und Künstlerischer Leiter des Nederlands Dance Theater III, ein Tänzer, der in keine Schublade passt. Er war gleichermaßen Danseur noble und Charaktertänzer, der verspielt, komisch, tragisch, hintergründig, versponnen, lyrisch, idealistisch und realistisch die verschiedensten Rollen interpretieren konnte.

Weggefährten mit dabei

Und dementsprechend sind diese auch beschaffen, die große Choreografien wie John Cranko, Kenneth MacMillan, Glen Tetley, Peter Wright und John Neumeier für ihn schufen oder sie von ihm interpretieren ließen. Beispielhaft seien nur genannt: Der komödiantische Joker in John Crankos „Jeu de cartes“, der Ewige in Kenneth MacMillans „Das Lied von der Erde“, die Titelrolle in Glen Tetleys „Pierrot lunaire“, der Albrecht in Peter Wrights „Giselle“ und der Hamlet im „Fall Hamlet“ von John Neumeier, nicht zu vergessen, einer der den Titel gebenden Buchstaben in John Crankos seinem Solisten-Quartett Richard Cragun, Birgit Keil, Marcia Haydée und Egon Madsen gewidmeten, 1972, im Jahr vor Crankos Tod, in Stuttgart uraufgeführten Ballett „Initialen R.B.M.E.“. Birgit Keil, jetzt Ballettdirektorin am Badischen Staatstheater Karlsruhe, war eine der Zuschauerinnen.

Der Tanzabend für Egon Madsen begann mit „Cantata“, einer „Hommage an die Kultur und musikalische Tradition Italiens“, choreografiert von Mauro Bigonzetti. Das Ganze ist ein volkstümliches Spektakel, mit italienischer Musik aus dem 7. und 8. Jahrhundert, Kinderliedern, Tarantella und neapolitanischen Serenaden, in dem Gesang und Tanz gemischt sind. Neben den Tänzern und Tänzerinnen von Gauthier Dance traten die vier Sängerinnen Cristina Vetrone, Enza Pagliara, Enza Prestia und Loralla Monti der Gruppo Musicale Assurd auf – und selbstverständlich Egon Madsen, für den Mauro Bigonzetti einen Part in sein Werk hineingeschrieben hatte. Und so glaubte man sich, unterstützt durch passende Kostüme von Helena de Medeiros, wirklich auf einen Marktplatz in einem italienischen Städtchen versetzt, wo Egon Madsen im vergangenen Jahr auf der Stadtmauer seinen 75. Geburtstag gefeiert und – nach eigenem Bekenntnis – „die ganze Nacht getanzt“ hat.

Mit Auszügen aus „Greyhounds“ – Tanz-Regie und Künstlerische Leitung: Egon Madsen, Kostüme: Gudrun Schretzmeier, Bühnenbild: Fluron Borg Madsen – zeigte der Jubilar, zusammen mit Julia Krämer, Marianne Kruuse und Thomas Lampertz – Partnern aus früheren Tagen –, mit dem ihm eigenen Witz und Humor, was Tänzer nach ihrer aktiven Laufbahn noch alles anstellen können, zur guten Unterhaltung des Publikums und nicht zuletzt zum eigenen Spaß an der Freude.

Mehr zum Nachdenken regten, von Egon Madsen und Eric Gauthier kreierte Auszüge aus „Don Q.“ an, „Eine nicht immer getanzte Revue über den Verlust der Wirklichkeit“. – Am 29. November ist Premiere von „The return of Den Q.“ von Christian Spuck. – Krönender Abschluss war eine Uraufführung, die Mauro Bigonzetti für Egon Madsen kreierte und die er „SOLO 7557“ nannte, in Anspielung auf den 75-jährigen Egon Madsen und den 57-jährigen Mauro Bigonzetti“. Es ist ein Stück Erinnerung, in dem Egon Madsen ebenso behutsam wie ausdrucksstark Gefühle eines reifen Tänzers transparent macht. Dieter Schnabel