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Journal Mit dem Totensonntag endet das Kirchenjahr – unsere Einstellungen zu Sterben und Bestatten haben sich stark gewandelt

Totensonntag: Erweckung oder Erinnerung?

„Denn alles Fleisch, es ist wie Gras und alle Herrlichkeit des Menschen wie des Grases Blumen…“ Und ist das Gras – gemäß Bibelwort und Johannes Brahms’ einschüchternder Vertonung im „Deutschen Requiem“ – „verdorret und die Blumen abgebrochen“, nun ja, dann wird’s finster: buchstäblich, aber auch soziologisch und theologisch – oder zumindest nebulös. Ist das Fleisch tot, ist es uns und unseren Angehörigen, nun, sagen wir mal, „zunehmend recht egal“. Den meisten Menschen ist ihr Körper heute nur wichtig, solange Blut durch seine Adern fließt. Das ist nachvollziehbar, gängig – und auch nicht schlimm. Es geht nicht darum, heutige Bestattungsformen und Trauerrituale zu werten. Im Totenmonat November nachzuhaken, warum sich welche Rituale verändern, kann im finsteren Herbst dennoch erhellend sein.

Sterben ist bekanntlich teuer, nicht nur weil der Tod das Leben kostet, sondern weil Würde, letzte Wünsche, familiäre und religiöse Traditionen gewahrt werden wollen oder wollten – und Pardon, die Leiche auch definitiv und wortwörtlich entsorgt werden muss. In den vergangenen 20 Jahren ist Bestatten billiger geworden. In der Branche gibt es längst schlichtere, ausreichend anständige und kostengünstigere Formen für fast jeden Geldbeutel.

Edelstein und Gefriertrocknung

Freilich gibt es auch Bestattungsdiscounter im östlichen Ausland mit Supersonderangeboten und Bestpreisgarantie – sozusagen dem ultimativen Schnapper zum Abschnappen. Zum Edelstein kann man seine Asche pressen lassen – und neu im Trend liegt die „Promession“, also Gefriertrocknung, ein Verfahren, bei dem der Leichnam klimafreundlich in flüssigem Stickstoff tiefgefroren und danach pulverisiert wird.

Das war einst unvorstellbar. Man brauchte ihn noch, den Körper, zur Auferstehung, wenn am Jüngsten Tag zum Klang der Trompete die Seele wieder in den Körper findet. Auferstehung, das heißt teilweise bis heute die Auferstehung allen Fleisches. Das sollte wissen, wer Mumifizierungsversuche eklig, pompöse Grabmäler dekadent oder einfach nur albern findet.

Krematoriumsvereine entstehen

Wie das allerdings faktisch gehen soll, dass dem getrockneten oder verschwundnen Fleisch wieder Seele und Leben eingehaucht werde, darüber schweigen die Kirchen und überlassen das Problem dem lieben Gott. Der in dieser Sache viel befragte Martin Luther verkündete: „Die künftige Auferstehung unseres Leibes soll nicht anders zugehen, denn wie einer plötzlich aus dem Schlaf erwacht.“ Feuerbestattungen waren somit – entgegen einer geläufigen Fehlinformation – bei beiden Konfessionen tabu.

Erst Ende des 19. Jahrhunderts gründeten sich (früh auch in Mannheim und Heidelberg) Krematoriumsvereine, die sich aus hygienischen und ästhetischen Gründen für Feuerbestattungen einsetzten. Ein Thema, das einst riesige Wellen schlug und vehement diskutiert wurde, denn die meisten Menschen glaubten damals noch, dass sie nach dem Tod etwas erwartet.

Beim Bestatten und Auferstehen musste alles seine Ordnung haben – an Symbolik und Zeremonie wurde nicht gespart. Die Lücke, die der Tod in die Gemeinschaft riss, wurde mit einem wirkmächtigen Ritual geschlossen. Aufbahrung war Pflicht. Herrscher lagen gar zu Staate („laying at state“) oder reisten zur finalen Huldigung im Sarg durch die Lande.

Das Bestatten der Toten war zudem auch für die Hinterbliebenen von religiöser Bedeutung: Immerhin zählt die Bestattung aus theologischer Sicht zu den Letzten der „sieben leiblichen Werke der Barmherzigkeit“. Da die Menschen im christlichen Kulturkreis glaubten, dass der Körper auch kalt dereinst noch gebraucht werden wird, war diesem mit höchstem Respekt zu begegnen.

Auf würdige wie konservierende Lagerung wurde im Idealfall geachtet. Wenn man es sich leisten konnte. Blank und bloß im Leintuch, im Einfachstsarg, mit Zinkeinsatz in glänzenden Sarkophagen oder mumifiziert in Zedernholz und Marmor. Der Tod macht alle gleich? Nun ja: Das Volk ruhte in der Erde des Friedhofs, die Herrscher in privaten Grüften ihrer Gemeindekirchen. Wer „stinkreich“ war – und daher kommt die Redensart allen Ernstes – durfte unten in der Kirche wesen und stinken, wo oben die arme Gemeinde im Mief saß…

Der Tote als Persönlichkeit

In der heutigen Einstellung zum Tod lediglich eine Verrohung zu sehen, ist zu kurz gedacht. Zwar hat Bestattungskultur Historikern immer schon Hinweise auf den Zivilisationsgrad einer Gesellschaft gegeben, doch unterlag sie auch immer Moden und Entwicklungen. Den Gebeinhäusern des Mittelalters folgte in der Renaissance eine Individualisierung des Einzelnen. Kunstvolle Mausoleen, Grüfte und Grabkappellen belegen es architektonisch. Der Tote wird zur Persönlichkeit, Beerdigung und Grabwahl zum repräsentativen Statement, das im bürgerlichen 19. Jahrhundert oft zum „pompe funebre“ aufgebläht wird.

Heute denken wir exakt umgekehrt: „Von aller Stille“, dem „engsten Kreise“ ist die Rede. Wir verstehen den Tod als etwas Individuelles, sehr Privates, das die Öffentlichkeit nichts angeht, ja oft per Anzeigenbekundung willentlich ausschließt. Wir wollen nicht gesehen werden beim Trauern. Wir wollen keine falschen Worte, Reden, Bekundungen, kein Rampenlicht.

Der Nachwelt Last ersparen

Ein sich veränderter Generationenvertrag trägt ebenfalls zu einer gewandelten Sterbekultur bei: Gestorben wird meist in Krankenhäusern und Altersheimen. Zum einen, weil wir den Tod nicht sehen und nicht riechen wollen. Und weil wir als dem Ereignis an Lebensjahren näher Stehende die Last der Alten- und Grabpflege nicht an Nachfolgende weitergeben wollen.

Ein Heilsversprechen – egal, ob religiös oder familiär grundiert – erwarten wir dennoch auch heute ganz unbescheiden: Viele möchten in der Erinnerung ihrer Lieben weiterleben. Das empfindet mancher attraktiver als irgendwo in Zwischenwelten auf Erweckung zu warten…

Wie die katholische Kirche an Allerseelen zum Monatsbeginn, gedenken Protestanten nun am Toten- oder Ewigkeitssonntag der Verstorbenen des endenden Kirchenjahres. Erinnerungsarbeit ist somit auch kirchlich garantiert. Die Erweckungshoffnung bleibt Glaubensfrage. Mit beidem sollte man auch im Trauermonat gut leben können.

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