Kultur

Ausstellung : Städel Museum Frankfurt zeigt die Künstler Henri Matisse und Pierre Bonnard erstmals gemeinsam in Deutschland

Traum vom ewigen Glück

Mit einem Skandal beginnt 1905 die Karriere des Malers Henri Matisse. Als er im Pariser "Salon d'Automne" zusammen mit gleichgesinnten Künstlern ausstellt, schockieren und provozieren ihre heftig aufgetragenen Farben das Publikum. Ein erboster Kritiker verspottet sie sogar als "Fauves" ("wilde Tiere"). Im Frankfurter Städel-Museum kann man jetzt auf zwei Etagen diesen unumstrittenen Pionier der modernen Malerei mit Pierre Bonnards oft hedonistisch anmutender Welt vergleichen.

Eine Doppelausstellung also und zugleich eine Deutschland-Premiere, denn Bonnard und Matisse werden hierzulande erstmals gemeinsam gezeigt. Rund 120 Gemälde, Plastiken, Zeichnungen und Grafiken, darunter Leihgaben aus Chicago, New York, Washington, London, Paris oder Sankt Petersburg, verweisen auf zwei künstlerische Perspektiven, die ungeachtet ihrer Unterschiede durchaus gemeinsame malerische Interessen erkennen lassen. Zumal, wenn es um das Verhältnis von Figur und Raum geht.

Deutlich wird das in der Gegenüberstellung des aus Baltimore angereisten "Großen liegenden Aktes" von Matisse (seit dreißig Jahren nicht mehr in Deutschland! ) und Bonnards "Liegendem Akt auf weißblau kariertem Grund". Enthüllt Matisse ohne zu zögern sofort das Ungewöhnliche, lässt er großflächig eine Form in die andere hineinschwingen, vertraut Bonnard lieber der erotischen Ausstrahlung des weiblichen Körpers, der Geschmeidigkeit einer vom Licht durchdrungenen Fleckenkunst. Doch der schöne Schein trügt. Arbeiten wie "Akt am Fenster" (1922) oder "Akt vor dem Spiegel" (1931) beweisen, dass dieser Maler durchaus über bildimmanente Spannungen und Brüche auch Irritierendes, ja Unheimliches zu vermitteln wusste.

"Es lebe die Malerei!", ein emphatischer Ausruf, den Matisse auf einer Postkarte aus Amsterdam an Bonnard notierte. Sie, deren Original in Frankfurt zu besichtigen ist, war Auftakt zu einer lebenslangen Künstlerfreundschaft. Obwohl die Gegensätze zwischen beiden überwogen. Auch in der Persönlichkeit. Die feinfühligen Aufnahmen des französischen Fotografen Henri Cartier-Bresson im ersten Raum der Ausstellung unterstreichen das. Er hat beide Maler 1944 in ihren Häusern an der Côte d'Azur besucht und den schmächtig wirkenden, stets scheu durch seine runden Brillengläser blickenden Bonnard in seinen karg ausgestatteten Räumen psychologisch empfindsam dem selbstbewussten, luxuriös eingerichteten Matisse kontrastreich zur Seite gestellt.

In Frankfurt gibt es viel zu entdecken. Denn die von Felix Krämer und Daniel Zamani klug und informativ nach Themen wie Interieur, Stillleben, Landschaft, Fensterbilder, Akt oder Porträt gehängte Ausstellung erlaubt anregende Vergleiche. Während bei Matisse eindeutig die Suche nach Klarheit, Gleichgewicht, festen Konturen und zentraler Ruhe überwiegt, verwandeln sich im Schaffen Bonnards die realen Motive oft in ein Kontinuum flüchtiger Farbwolken. Eine Augenkunst, geschult an Gauguin, Degas und Monet, die sich inmitten radikaler künstlerischer Aufbrüche etwas vom Zauber der Vergangenheit bewahrt hat.

Mochte anderswo die Kunst auch in bizarre Scherben zerfallen oder unter dem Druck expressiv hochgepeitschter Emotionen zu bersten drohen - Bonnard, dieser "Charmeur unserer zerrissenen Welt", wie ihn Julius Meier-Graefe nannte, hält unbeirrt an seinen lichtdurchfluteten Räumen fest, als wären es Inseln des wahren Glücks. Sowohl er als auch Matisse bewegen sich mit wunderbarer Gelassenheit durch einen Kosmos schöner Dinge: Frauen, Sommer, Früchte und Pflanzen, gemusterte Tischdecken, berankte Tapeten, durchsonnte Terrassen, üppige Gärten. Zustände einer intimen Behaglichkeit, in die keine Katastrophenmeldungen von den Kriegsschauplätzen des vergangenen Jahrhunderts eingedrungen sind.

Bonnards unerschütterliches Einverständnis zwischen Mensch und Natur hat gewiss weniger zur Kunstmoderne beigetragen als die ornamentalen Flächenstrukturen von Matisse. Doch beide stellten den Automatismus unserer Gewohnheiten im Denken und Fühlen nachdrücklich in Frage und wehrten sich gegen eine Daseins-Vorstellung, für die allein das Großartige und Berauschende zählt. Zwar haben sie das einfache Leben für die Öffentlichkeit nicht gerettet, es gelegentlich aber in ihren Bildern zur Ansicht freigegeben.