Kultur

Staatsoper Stuttgart Mascagnis „Cavalleria rusticana“ und Sciarrinos „Luci mie traditrici“ / Zwei Opern italienischer Komponisten

Trennung zweier siamesischer Zwillinge

Sie sind die beliebtesten, bekanntesten und erfolgreichsten (siamesischen) Zwillinge der Operngeschichte: „Cavalleria rusticana“ von Pietro Mascagni und „Pagliacci“ von Ruggiero Leoncavallo. Doch in Stuttgart wurden sie jetzt getrennt.

Auf den zunächst genannten Einakter aus dem 19. Jahrhundert folgte der Zweiakter eines anderen italienischen Komponisten aus dem 20. Jahrhundert: „Luci mie traditrici“ von Salvatore Sciarrino, uraufgeführt im Rahmen der Schwetzinger Festspiele 1998 in italienischer Sprache, unter dem deutschen Titel „Die tödliche Blume“.

Was diese zwei Opern italienischer Komponisten verbindet, sind deren Libretti, in denen es um Liebe, Eifersucht und Ehre geht und bei denen jeweils der Tod am Ende steht. Was sie trennt, ist die andersartige musikalische Ausgestaltung der zwei Geschichten.

Gewiss ist es in Corona-Zeiten schwierig, überhaupt Theater zu spielen und dazu noch eine auf einem naturalistischen Volksdrama fußende Oper adäquat auf die Bühne zu bringen. Und so gelang das bei der „Cavalleria rusticana“-Inszenierung von Barbara Frey, der früheren Intendantin des Schauspielhauses Zürich, optisch auch nur bedingt. Doch immerhin war da noch die blut- und glutvolle Musik Mascagnis, die auch in der Fassung für Kammerorchester von Sebastian Schwab faszinierte und die „sizilianische Bauernehre“ von Turiddu glaubhaft machte. Der findet seine frühere Geliebte Lola als Ehefrau des Fuhrmanns Alfio wieder, wendet sich ihr zu, lässt Santuzza sitzen und bezahlt dafür mit dem Tod.

Demgegenüber steht die Erzählung eines Dramas aus dem 17. Jahrhundert. Es handelt von der Rache eines betrogenen Ehemanns, dessen Frau in Liebe zu einem Gast entbrennt und die dafür, verraten von einem Diener, der sie ebenfalls liebt, mit dem Tod büßen muss.

In diesem Zweiakter agieren lediglich vier Personen auf der Bühne: Gräfin Malaspina und der Gast, die beide zum Schluss tot sind, Graf Malaspina, der Rächer seiner Ehre, und der Diener des Hauses, der Verräter aus verlorener Liebe. Doch Salvatore Sciarrino geht in dieser Oper auch mit der Musik sparsam um. Die etwas umfangreicheren Aufgaben für das Orchester bieten die Intermezzi. Dazu hört man in denen einzelnen Szenen relativ wenig von ihm. Und das erschöpft sich dann häufig in einem Säuseln, Zirpen und Zischeln. Nicht viel ausdrucksvoller ist allerdings auch die die Sänger begleitende Komposition, die zumeist nur ein Murmeln, Hauchen und Seufzen ist.

Für beide Opern hatte Martin Zehetgruber ein Einheitsbühnenbild geschaffen. Eine Galerie im Hintergrund, auf der auch Teile des Orchesters platziert waren, und eine schräge, sich im Uhrzeigersinn drehende und dadurch neue Perspektiven eröffnende, steil ansteigende, breite Freitreppe. In diesem Rahmen ließ Barbara Frey bei Mascagniss Oper die Solisten in erster Linie schreiten und hin und wieder zwei Paare junger Männer, die auch Tänze andeuteten, über die Bühne gehen. Der von Manuel Pujol einstudierte Chor war dort nicht zu sehen, sondern sang auf dem Rang. Wenn auch nicht im Spiel, dafür stimmlich umso mehr überzeugten die Sopranistin Eva-Maria Westbroek, deren internationale Karriere an der Staatsoper Stuttgart begonnen hat, als Santuzza, der Tenor Arnold Rutkowski als Turiddu, die Altistin Rosalind Plowright als Lucia und der Bariton Dimitris Tiliakos als Alfio. Aufhorchen ließ die junge Mezzosopranistin Ida Ränzlöv als Lola.

Und sie war es denn auch, die das Versprechen in Mascagnis Oper in der von Sciarrino als der die Gräfin liebende Gast voll einlöste. Der Sparsamkeit im Musikalischen entsprach, unter der Regie von Barbara Frey, die im Szenischen.

Der Bariton Christian Miedl lieh seine Stimme dem Grafen, die Mezzosopranistin Rachael Wilson die ihre der Gräfin und der Tenor Elmar Gilbertsson die seine dem Diener.

Glücklicherweise war die Partie des Gastes nicht, wie bei der Uraufführung, einem Countertenor anvertraut, sondern der Mezzosopranistin Ida Ränzlöv.

Das Staatsorchester Stuttgart, unter der umsichtigen Leitung von Cornelius Meister, wurde seiner Aufgabe sowohl bei Mascagnis blutvoller als auch bei Sciarrinos anämischer Oper den Intentionen der Komponisten entsprechend gerecht.

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