Kultur

Enjoy Jazz Nik Bärtsch und Vijay Iyer in der Feuerwache

Turbulentes Leben in der Großstadt

Als „rituelle Groove-Mönche“ wird das Ensemble Ronin in den Worten Rainer Kerns angekündigt. Der Leiter des Enjoy-Jazz-Festivals hat damit nicht Unrecht. Denn der Habitus von Bandleader Nik Bärtsch charakterisiert ihn inzwischen eher als japanischen Zen-Meister denn als Schweizer, als den ihn seine Sprache noch immer ausweist.

Doch was Bärtsch und Ronin auf der Bühne der Mannheimer Alten Feuerwache tun, hat nichts Mönchhaftes an sich – jedenfalls nicht das, was man einem Asketen der Lebenslust gemeinhin unterstellen mag. Allerdings betreibt das Quartett bei seiner Präsentation des aktuellen Albums „Awase“ durchaus eine Reduktion der musikalischen Mittel, vor allem in harmonischer Hinsicht. Kernzellen der Stücke sind oftmals Partikel, kleine Intervalle etwa, die sich enervierend durch die Arrangements bohren. Doch die dynamische Dichte, das starke rhythmische Gewicht und die komplexe Metrik mit ihren oftmals funkigen Grooves, hinter die sich Bärtsch am präparierten Flügel bescheiden zurückzieht, wecken eher Assoziationen an die Turbulenzen des modernen Großstadtlebens denn an klösterliche Abgeschiedenheit.

Zusätzliche Klangfarben

Vijay Iyer gibt diesem Doppelkonzert, ob im Sextett oder im Trio, anschließend eine deutlich jazzigere Note: Die Improvisationen dieses Ensembles – gespielt wird aus dem aktuellen Album „Far From Over“ – verraten eine deutlich stärkere Neigung zu experimenteller harmonischer Arbeit. Obendrein bringen die drei Bläser zusätzliche Klangfarben ins Spiel, und Vijay Iyer selbst dreht sich am Flügel immer wieder zur Seite, um am Rhodes ein paar funkelnde Tonketten miteinander zu verknüpfen.

Massenhafte Abwanderungen wie bei seinem jüngsten Konzert in der Elbphilharmonie, bei dem offenbar ganze Hundertschaften für einen Eklat gesorgt haben, muss Iyer in dieser Nacht nicht hinnehmen. Allerdings leeren sich die Reihen in der Alten Feuerwache nach insgesamt drei Konzertstunden denn doch beträchtlich. Besorgt fragt der Bandleader ins Publikum, ob er weiterspielen solle. Und nach zustimmenden Zurufen setzt das Sextett seine Exkursionen zwischen balladesker Poesie und krachender Trash-Ästhetik fort, als gelte es, die Nacht zum Tag zu machen. urs