Kultur

Schauspiel Premiere von „Schreiben: Leben“ im Felina-Theater

Über eine gezeichnete Seele

Archivartikel

„Sie wird aus dem Abdruck, den die Welt in ihr und ihren Zeitgenossen hinterlassen hat, eine gemeinschaftliche Zeit rekonstruieren“, sagt Hedwig Franke. „Sie wird in einem individuellen Gedächtnis das Gedächtnis des kollektiven Gedächtnisses finden und so die Geschichte mit Leben füllen“, fährt sie fort und schreibt auf eine Tafel: „Die Jahre“. Damit schließt sich zum Ende ein Kreis um die Frau, der dieser Abend gewidmet ist – Annie Ernaux.

„Schreiben: Leben“ heißt das Werk, mit dem Das Neue Ensemble – ein Zusammenschluss Theaterschaffender aus der Region – im Mannheimer Theater Felina-Areal Premiere feiert. Es erzählt von Ernaux, die 1940 geboren wurde, als Lehrerin arbeitete und zu einer der bekanntesten französischen Autorinnen avancierte.

„Schreiben: Lesen“ liegt der Roman „Die Jahre“ zugrunde, eine „unpersönliche Autobiografie“, die 2008 erschien. Rainer Escher inszeniert den Text mit Franke und Elisabeth Auer. Hefte, Blöcke oder auch eine Flasche Wein liegen auf der Bühne. Das Blickzentrum bildet die Tafel, die sich nach und nach füllt – mit Jahreszahlen und Fotos, die mit Wörtern wie „Armut“, „Sprache“, „Sex“, „Scham“ und „Freiheit?“ verbunden werden: Das Schaubild eines Lebens, in dem sich Erinnerungen und Bilder zu einem 60 Jahre umspannenden Porträt verbinden.

Geschildert wird eine einfache Kindheit in der Nachkriegszeit, die ins Studium mündet; wir hören von Selbstemanzipation, Ehe, von Banalitäten und den Umbrüchen 1967/1968, von Trennung, Krebstherapie und später Liebschaft …

Frei von Pathos

Es ist ein so kunstfertig wie klarsichtig verfasster und mit der Melancholie ungelebter Möglichkeiten aufgeladener Text (der die Ich-Perspektive zugunsten einer Entpersonalisierung meidet), den Auer und Franke frei von Pathos in Szene setzen. Ein kleines, unprätentiös und gut auf die Bühne gestelltes Stück. 

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