Kultur

Missbrauchsvorwürfe Affäre erschüttert renommierte Kultureinrichtung / Eine Lehrerin entlassen, ein Lehrer suspendiert / Staatsanwaltschaft ermittelt

Übergriffe, Gewalt und Drill an Wiener Staatsoper

Mit leiser Stimme spricht ein geknickter mächtiger Mann. Dominique Meyer erlebt die wohl schwärzesten Tage seiner nun fast zehnjährigen Amtszeit als Direktor der Wiener Staatsoper. „Ich bin getroffen, traurig und sehr böse“, sagt der 63-jährige Franzose in die Mikrofone. Der Anlass: Das Wiener Wochenmagazin „Falter“ hat – letztlich mit Unterstützung der Staatsoper selbst – schlimme Zustände an der hauseigenen Ballettakademie enthüllt.

Von Demütigungen, Gewalt und Drill hatte die Zeitschrift geschrieben. Schülerinnen seien durch ein Verspotten ihrer Körper in die Bulimie (Ess- und Brechsucht) oder Anorexie (Magersucht) getrieben worden. Konkret gelten die Vorwürfe einer inzwischen entlassenen Lehrerin und einem suspendierten Lehrer, der einen Schüler sexuell belästigt haben soll.

Sonderkommission gebildet

Ob das Einzelfälle unter den insgesamt 15 Lehrern des höchst renommierten Hauses waren oder ein System dahinter steckte, das soll auf Weisung von Kulturminister Gernot Blümel (ÖVP) jetzt eine Sonderkommission untersuchen. Meyer selbst hat die volle Aufklärung aller Vorwürfe zugesichert. „Unser Ziel ist, dass wir alles wissen.“

Die Staatsanwaltschaft Wien ermittelt nun nach eigenen Angaben wegen Missbrauchs eines Autoritätsverhältnisses und sexueller Belästigung. Es müsse geprüft werden, ob auch noch wegen Körperverletzung ermittelt werde, so eine Sprecherin der Behörde zur österreichischen Nachrichtenagentur APA.

Auf Grundlage von E-Mails und Whatsapp-Chats von Schülerinnen berichtet der „Falter“, dass Betroffene über eine „sadistische Lehrerin“ aus Russland geklagt hätten, die sie gedemütigt, getreten, blutig gekratzt, blau gezwickt und an den Haaren gerissen habe. Neben diesen persönlichen Verfehlungen seien aber auch strukturelle Mängel ans Tageslicht gekommen. Das Haus verfüge über keine pädagogischen Konzepte, habe keine Ernährungspläne für Kinder und Jugendliche mit Ess-Störungen, die medizinische Betreuung sei mangelhaft.

Neun Schüler betroffen

Eine ehemalige Schülerin spricht im „Falter“ von einer „Jugendstrafanstalt“. „Ich wurde psychisch gebrochen. Es dauerte Jahre, bis ich wieder ins Ballett fand.“ Nach Darstellung der Staatsoper war die 8. Klasse, neun 17- bis 18-Jährige, von dem gewalttätigen Regiment betroffen. Insgesamt hat die Ballettakademie fast 140 Schüler, die zugleich aufs Gymnasium gehen. dpa