Kultur

Schauspielhaus Stuttgart Burkhard C. Kosminski präseniert Friedrich Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“

Übrig bleibt nur ein fleischloses Skelett

Auf dem Programm stand „Der Besuch der alten Dame“ von Friedrich Dürrenmatt, mit dem Zusatz: „Mit einem Text von Peter Michalzik“. Die Aufführungsdauer war eineinhalb Stunden. Eine Pause gab es nicht. Rund ein Fünftel der Zeit entfiel auf den Vortrag des von dem 57-jährigen deutschen Autor geschriebenen Textes. Was konnte da noch von der 1956 im Schauspielhaus Zürich uraufgeführten tragischen Komödie des Schweizer Dramatikers übrig bleiben?

Das ursprünglich rund 20-köpfige Personal von Dürrenmatts Dreiakter war auf sieben Protagonisten geschrumpft, die von zwei Schauspielerinnen und vier Schauspielern verkörpert wurden. Von der komplexen Geschichte blieb nur ein Skelett übrig, das Fleisch fehlte. Gewiss geht es in dem ursprünglichen Theaterstück, in dem zwei Themen miteinander verknüpft sind, auch darum. Zum einen ist es der Abfall der Einwohner der kleinen Stadt Güllen von der Moral, bedingt durch den Zugriff der Macht und der Verführung des Geldes. Zum anderen ist es die Geschichte eines Schuldigen, der dazu kommt, seine Schuld zu erkennen und sie zu sühnen.

Auf Thesenstück reduziert

Doch in Stuttgart genügte das dem für die Inszenierung verantwortlichen Schauspielintendanten Burkhard C. Kosminski nicht, der das Theaterstück von Friedrich Dürrenmatt auf ein Thesenstück reduzierte, Parallelen zur Gegenwart suchte, auf die „Ausschmückung“ der ursprünglichen Handlung verzichtete und dafür die Geschichte durch den Text von Peter Michalzik erweiterte.

Dazu muss man wissen, dass als Claire Zachanassian die 55-jährige Evgenia Dodina, eine israelische Schauspielerin belarussischer Herkunft, als neues Ensemblemitglied des Stuttgarter Staatsschauspiels auf der Bühne stand. Ihre Lebensgeschichte und Auszüge aus der Biografie ihrer Familie, das war der Text von Peter Michalzik, den sie in hebräischer Sprache vortrug und der in deutscher Übersetzung zuweilen auf eine eigens dafür vorgesehene Zwischenwand im Bühnenbild von Florian Etti projiziert wurde.

Das ist hoch interessant, berührt einen darüber hinaus und regt zum Nachdenken an. Doch was hat das, außer der sogenannten „Moral von der Geschichte“, mit dem „Besuch der alten Dame“ von Friedrich Dürrenmatt zu tun? Auch wenn deren Vorgeschichte in die 40er Jahre des vorigen Jahrhunderts verlegt wird und Claire Zachanassian keine geborene Wäscher ist, sondern zunächst Goldberg hieß und aus Güllen Güllingen wird. Coronabedingt „Abstand haltend“, stehen die Darsteller mehr auf der Bühne herum als miteinander zu spielen. Kraft ihrer Persönlichkeit und ihrer nuancenreichen Ausdrucksmöglichkeiten gewinnt Evgenia Dodina nicht nur als Claire Zachanassian Profil.

Das eigene Grab ausgehoben

Wandlungsfähig zeigt sich Mathias Leja als Ill, der am Ende sein eigenes Grab ausheben muss, in dem ihn die anderen noch steinigen. Nach ihm steigt Sven Prietz als Bürgermeister in die Grube und kehrt mit blutverschmierten Händen zurück. Selbstbewusst spielt Felix Strobel den Polizisten.

Von Zweifeln geplagt, gibt Marco Massafra den Lehrer. Gabriele Hintermaier ist der mit Armschiene auftretende Butler und ehemalige Oberrichter sowie die Pfarrerin im schwarzen Kostüm.

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