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"Und morgen die ganze Welt" - in Mannheim gedrehter Film ist deutscher Oscar-Beitrag

Archivartikel

München.Das unter anderem auch in Mannheim gedrehte Politdrama "Und morgen die ganze Welt" von Julia von Heinz geht für Deutschland in das Rennen um die Oscars. "Ein sehr persönlicher Film mit großer, emotionaler Wucht", befand die Jury am Mittwoch in München, die den Streifen unter zehn Bewerbern im Auftrag von German Films, der Auslandsvertretung des deutschen Films, ausgewählt hatte. Der Film ist der deutsche Beitrag für die Oscars in der Kategorie "International Feature Film", des besten internationalen Spielfilms.

"What?????!!!!!! Deutscher Oscar Beitrag???? Grüße aus dem krassesten Wechselbad der Gefühle EVER", schrieb die Regisseurin kurz nach Bekanntgabe des Juryvotums am Mittwochabend auf Facebook. Dabei war schon die internationale Premiere ihres von persönlichen Jugenderfahrungen inspirierten Films groß, lief er doch im Wettbewerb des Filmfestivals von Venedig. Nun überzeugte die Honorarprofessorin der Hochschule für Fernsehen und Film in München auch noch die Jury, die die Auslandsvertretung des deutschen Films (German Films) mit der Auswahl des Oscarbeitrags betraut hatte.

"Und morgen die ganze Welt“ ist der fünfte Kinofilm der 1976 geborenen von Heinz, der 2015 mit der Verfilmung von Hape Kerkelings Bestseller „Ich bin dann mal weg“ ein veritabler Publikumshit gelang. Ihr sehr persönliches Drehbuch zu „Und morgen die ganze Welt“ – „der Film speist sich aus eigenen Erlebnissen, obwohl er nicht autobiografisch ist“ – schrieb sie gemeinsam mit Lebenspartner John Quester. Luisa (Mala Emde) heißt ihre Heldin, Jurastudentin im ersten Semester, Spross einer Landadelsfamilie. Dank der Fürsprache einer alten Schulfreundin zieht sie in ein von einer Antifa-Gruppe besetztes Haus ein. Zum Ärger vieler ihrer Mitbewohner, die ihr ob ihrer Herkunft misstrauen. Umso mehr engagiert sie sich in der autonomen Szene. Doch das ist ihr bald zu wenig. Im Kampf gegen Rechte und Neonazis schrecken ihre neuen Freunde nicht vor Gewalt zurück und Luisa muss entscheiden, wie weit sie selbst bereit ist, zu gehen. 

Sorgfältig werden die Figuren eingeführt, präzise ist das Milieu gezeichnet, in dem sie agieren. In diesem Zusammenhang erweist sich Mannheim – hier steht das von den jungen Leuten okkupierte Gebäude – als facettenreicher, spannender Schauplatz, speziell die Gegenden Jungbusch und Neckarstadt-West. Der Antifa-Alltag wird einem in der ersten Hälfte nähergebracht, dann mutiert das Werk zum spannungsreichen, streckenweise aber doch zu spekulativen Thriller.

Rechter Extremismus und Populismus sind auf dem Vormarsch. Eine Tatsache, die sehr viele Menschen mit Sorge sehen. Doch wie weit darf man gehen, um diesen Ansichten die Stirn zu bieten? Mit dieser Frage setzt sich die Regisseurin von Heinz in "Und morgen die ganze Welt" auseinander. "In einer Zeit, in der die Demokratie zunehmend unter Druck gerät, stellt Julia von Heinz die Frage, ob und wenn ja, wann Gewalt gerechtfertigt oder sogar notwendig ist", begründeten die Juroren ihre Entscheidung. Sie lobten die herausragende Leistung von Hauptdarstellerin Emde ebenso wie die Kamera. Zudem konfrontiere der Film die Zuschauer mit Konflikten und Entscheidungsprozessen, denen sie sich nicht entziehen könnten. "Ein persönlicher Film von großer, emotionaler Wucht", so das abschließende Votum.

Vom Thema her dürfte der Film auch in den USA auf Interesse stoßen, wo politisch motivierte Gewalt - häufig aus dem sehr rechten Lager - vielerorts ein Klima der Angst verbreitet. Nun ist die Academy of Motion Picture Arts and Sciences (AMPAS) im kalifornischen Beverly Hills am Zuge. Aus allen internationalen Bewerbungen wählt sie zunächst zehn Filme aus, die am 9. Februar 2021 bekanntgegeben werden. Am 15. März werden die fünf Nominierten Filme verkündet. Der deutsche Oscarbeitrag "Systemsprenger" von Nora Fingscheidt war im vergangenen Jahr nicht nominiert worden. Die eigentliche Preisverleihung ist am 25. April 2021.

Doch egal wie weit der Film kommen wird, allein die Auswahl als deutscher Oscar-Kandidat ist schon besonders. Allerdings gibt es auch einen ziemlich großen Wermutstropfen. "Und morgen die ganze Welt" startet zwar am Donnerstag im Kino. Doch wer ihn sehen will, muss sich beeilen: Wegen der Corona-Pandemie sind die Kinos ab Montag alle erst mal dicht.

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