Kultur

Musiktheater: Ein frisch sanierter und trefflich musizierter „Parsifal“ sorgt im Opernhaus des Nationaltheaters für Begeisterungsstürme  

„Unerhörtes Werk!“ in diskretem Glanz

Archivartikel

„Endlich ist es rum!“, sagt Alexander Wischniewski. Als kundiger Wagnerianer steht er nicht im Verdacht, fünfeinhalb Stunden Wagner-Klang als Zumutung zu empfinden. Der NTM-Kassenleiter meint Anderes: den Rummel um den Vorverkauf für Mannheims beliebten Karfreitagsklassiker, der das Kartenbüro alljährlich an seine Belastungsgrenze führt. Zwischen voll und voll, das wissen nicht nur trinkfreudige Zecher, gibt es einen großen Unterschied. „Ausverkauft“ wäre für diese Wiederaufnahme von Richard Wagners Bühnenweihfestspiel „Parsifal“ eine echte Untertreibung. Selbst für Opernchef Albrecht Puhlmann bleibt nur ein Stehplatz in der Intendantenloge. Voller als voll ist die 140. Vorstellung von Hans Schülers Inszenierung aus dem Jahre 1957 freilich im 61. Jahr, hat der Wagnerverband Mannheim-Kurpfalz unter Monika Kulczinski, doch Spenden gesammelt, um die älteste durchgängig gespielte Wagner-Inszenierung der Welt nicht nur bühnentechnisch wieder sicherer zu machen, sondern sie auch in altem Glanz erstrahlen zu lassen. Thommy Mardo hat die alten Glasplatten fotografiert und retuschiert. „Sieht man das auch?“, war die Frage, die Kenner der Inszenierung umtrieb. Und wie!

Schon der Wald vor der Gralsburg hat in der ersten Szene durch geschärfte Konturen der Baumstämme an räumlicher Tiefe gewonnen. Zur Verwandlungsmusik, dem fast filmisch begleiteten Aufstieg zur Burg, machen wir einen zarten (Himmel-)Blaustich zwischen Stämmen und aufstrebenden Felsen aus, den man schon fast vergessen hatte. Besonders profitieren auch die stilisierten romanischen Lichtbögen der Gralsburg von der Überarbeitung, die farblich nun wieder mehr ins Gelbgoldene gehen - und dadurch merklich an Plastizität gewinnen.

Am Markantesten ist eine wiederhinzugewonnene Prise Karmesinrot bei den Blüten-Projektionen zu Beginn des zweiten Aufzugs, die dem neckischen Treiben der Blumenmädchen (Amelia Scicolone, Estelle Kruger, Iris-Maria Soyer, Iris Kupke, Ludovica Bello und Julia Faylenbogen) mehr florale und erotische Strahlkraft verleihen. Das gilt auch für die sich lodernd aufspreizenden Blütendolden, die Kundrys Verführungskünste in Doppelprojektion auf Gaze und Hintergrund, wesentlich sinnlicher begleiten, als die verblassten Altrosa-Töne der letzten Jahrzehnte.

Der Charme dieser subtilen wie kenntnisreichen Optiküberarbeitung von Fotograf Thommy Mardo und Beleuchtungsleiterin Nicole Berry liegt  darin, dem Zusammenspiel aus Strahlkraft und pastösem 50er-Jahre- Pastell den originären und mystischen Schleier zu belassen. Auch Gerda Schultes Kostüme gewinnen an Profil, rücken deren farbliche Akzente so doch auch zurück an die Farben des lichtreichen Bühnenbildes von Paul Walter.

Hat man zudem eine stimmlich farbenreiche Kundry wie Angela Denoke, die hysterische Höllenrose-Höhen, lyrischen Momente (etwa die Herzeleide-Erzählung) und dazu noch die tiefgrundierten Parlando-Passagen derart sicher meistert und vielseitig zu gestalten weiß, bleiben im Einklang mit dem heldisch aufstrahlenden Titelhelden Frank van Akens keinerlei Wagnerianer-Wünsche offen. Dass Angela Denoke als spielfreudiges Schauspieltalent zudem die wohl frivolste aller Mannheimer-Bühnen-Kundrys gibt, lässt die Szene ebenso knistern, wie ihr zuvor beendetes Spiel mit Klingsor Joachim Goltz, der an stimmlichem Format und mephistophelischer Präsenz zulegt – für ihn eine Paraderolle.

Bejubelt wird auch Publikumsliebling Sung Ha, dessen jugendlich strömender Ausnahmebass vielleicht doch eine Spur zu mächtig für die Partie ist. Zumal sich Handlungsvermittler Gurnemanz – die Opernwelt ist ungerecht – doch immer auch an der Textverständlichkeit messen lassen muss, die Ha nach einem guten Auftakt leider zunehmend abhandenkommt. Thomas Berau ist als Gralskönig eine sichere Bank, sein leidender Amfortas gestalterisch schwer zu übertreffen.

Erfreuliches auch aus dem Graben unterhalb der Gralsburg: Alexander Soddy hat in seinem zweiten Mannheimer „Parsifal“-Jahr heuer den Bogen raus: Sängerfreundlich und kompakt schlägt er den Spannungsbogen zwischen Blech und Streichern, zwischen meditativ Durchdrungenem und mächtigem Wagner-Wumms. Konzentriert folgt das Nationaltheaterorchester seinem Generalmusikdirektor mit klar herausgearbeiteten Leitmotiven und drängend-schwelgerischem Spiel. Bravo!

Was sonst noch? Ein paar Wackler im Damenchor hinter der Bühne - sei’s drum -, trefflicher Orchesterklang, glänzende Ensembleleistung, leuchtende Bilder, Jubelwogen bei jedem Erscheinen des Dirigenten, gut neun Minuten Schlussapplaus und ein stehender Intendant – Mannheimer Wagnerherz, was willst du mehr?