Kultur

Mainfranken Theater Würzburg Richard Wagners „Götterdämmerung“ war ein ganz besonderes Hör- und Seherlebnis

Ungewöhnliche Klangfarben faszinierten

Archivartikel

„Jetzt erst recht“: Das scheint die Devise im Mainfranken Theater Würzburg zu sein, wenn es mitten in der Bauphase mit einer Inszenierung von Wagners „Götterdämmerung“, dem letzten Drama aus der Ring-Tetralogie, in die Vollen greift. Der Mut wurde belohnt. Die für ein Stadttheater herausfordernde Produktion war nur dank der tatkräftigen Unterstützung des rührigen Richard-Wagner-Verbands und der Herbert-Hillmann- und Margot-Müller-Stiftung zu stemmen.

Schlüssige Inszenierung

Die Erwartungen an Regisseur Tomo Sugao waren im Vorfeld hoch; schließlich hatte er in Würzburg schon mit Bravour Meyerbeers „Hugenotten“ inszeniert. Bühnenbildner Paul Zoller schöpfte alle Möglichkeiten aus, die eine in die Jahre gekommene Drehbühne für eine szenische Aufführung zu leisten vermag. Ein halbrunder, leicht durchschimmernder Vorhang trennte ein düsteres und verlassen wirkendes Völkerkunde-Museum von einer hellen Halle nebst Polstergarnitur. Getrennt wurde so die Götter- von der Menschenwelt, die sich grellbunt ausstaffierte und mit Luftballons und Sektgelagen amüsierte. Die Vitrinen beherbergten den Stumpf der abgesägten Weltesche, Fafners Drachenkopf, den von Siegfried zertrümmerten Amboss und von Brünnhilde, deren Ross Grane, das bizarr die Beine in den Himmel streckte. Mit dem Rest seines abgeschlagenen Speers schien Wotan breitbeinig auf seine letzte Schlacht zu warten. Bedrückend aschgraue Farben suggerierten, alle Schaustücke könnten bei der geringsten Berührung zu Staub zerfallen. Doch weit gefehlt, denn die Herrschaften hatten ihre Rollen nicht vergessen und entstiegen bald den engen Gehäusen.

Stumm und starr schauten sie aber zunächst im Vorspiel auf den kleinen Jungen, der staunend im Museum herumstreifte. Es ist der kleine Hagen, dessen ungeduldiger Vater Alberich ihm ein Buch über die Nibelungen-Mythologie aufnötigte, in das der Junge nur widerwillig hineinschaute. Es setzte Prügel, und als Alberich später noch einmal seinen Sohn im Traum auf das skrupellose Streben nach dem Ring einschwörte, war der Weg in den Untergang vorgezeichnet.

Präzise gelang die Lichtführung von Mariella von Vequel-Westernach, mit der sie immer eine zur Musik und Handlung adäquate Atmosphäre vermittelte. In bester Erinnerung sind die Kostüme von Carola Volles für die „Sizilianische Oper“, für die Götterdämmerung wählte sie für die in den Vitrinen ausgestellten, dann zum Leben erweckten Sagengestalten fantasievolle Kostüme. Zum ironischen Seitenhieb auf die selbst im Kulturbetrieb zu konstatierende Allgegenwart des amerikanischen Präsidenten geriet die Doppelgänger-Nummer, denn nicht nur König Gunther aus dem Heldenstamm der Gibichungen, sondern auch die Herren seiner höfischen Entourage trugen „Stars and Stripes“ nachempfundene blaue Anzüge mit roten Krawatten und nahezu identische – je nach Lichteinfall – wasserstoff- bis karottenblonde Frisuren.

Ohne die Transkription des Dirigenten und Komponisten Eberhard Kloke für ein mittelgroßes Orchester mit 63 Musikern hätte es die Würzburger Aufführung nicht gegeben. Erst im vorigen Jahr wurde diese Fassung fertig und war jetzt in Würzburg zum ersten Mal zu hören. Wagner sieht im Original schon allein 64 Streicher bei einer Gesamtzahl von 115 Instrumentalisten vor. Denn auf die Coburger Fassung, die auf von Richard Wagner verlangte Instrumente verzichtet und das Orchester lediglich verkleinert, wollte sich Generalmusikdirektor Enrico Calesso wegen des Verlusts von wichtigen Klangfarben nicht einlassen.

Millimeter-Arbeit gefragt

So war Millimeter-Arbeit im vollen Orchestergraben gefragt, um allen für den „Ring“ typischen Instrumenten wie Wagnertuben, Basstrompete und Kontrabassposaune sowie den zusätzlich zum Einsatz gebrachten Instrumenten Altflöte, Heckelphon, Kontrabassklarinette, Kontrafagott sowie Celesta und Xylorimba, eine Art Xylofon mit größerer Reichweite, ihren gebührenden Platz einzuräumen. Die Celesta ersetzte immerhin fünf Harfen, eine weniger als Wagner vorsieht. Mit ihren fremdartigen Stierhörnern entstiegen drei Bläser sogar dem Graben, um am Bühnenrand Hagens Gefolge aufzurufen.

Dass Calesso im Vergleich zu anderen Einstudierungen ungewöhnlich viele Proben ansetzte, zahlte sich aus, denn nach einem eher verhaltenen Beginn sorgte der Dirigent mit seinem ungewöhnlich besetzten Ensemble für bewegende, später betörende Bilder, mit denen über fünf Stunden wie im Fluge verging.

Es waren noch nie gehörte Klänge mit deutlich herauszuhörenden Instrumenten, die für den typischen Wagner-Sound mit hypnotischer Wirkung sorgten. Wo es weniger „fett“ dröhnte, setzte sich dafür ein differenzierteres Klangbild durch. So wurde es auch mit einem schlankeren Orchester eine „große“ Oper, weil die Feinabstimmung zwischen Bühne und Graben gelang. Schon nach dem ersten Aufzug setzte spontaner Beifall ein.

Als Rollendebütanten fügten sich erfahrene Gesangssolisten nahtlos in die Inszenierung und musikalische Konzeption ein und zeigten sich auch in den Extrempartien den hohen Ansprüchen gewachsen. Elena Batoukova-Kerl bewältigte den Kraftakt als Brünnhilde mit darstellerischer Wucht und hochdramatischen Sopranfarben, ohne an lyrischen Qualitäten einzubüßen. Tenor Paul McNamara sang einen nur oberflächlich heldenhaft-unbekümmerten, weil traumatisierten Siegfried, dessen Tenor die dynamischen Schattierungen differenziert zu Gehör brachte.

Sängerische Glanzleistung

Die tiefsten Stimmlagen sind zumeist den Bösewichten vorbehalten; den Hagen gab Bassist Guido Jentjens mit starkem Volumen und Klangfarben; eine sängerische Glanzleistung mit allen Differenzierungen und Zwischentönen in einer vom Intellekt beherrschten und zugleich skrupellosen Rolle. Kosma Ranuer verkörperte einen leicht verführbaren, durchsetzungsschwachen König Gunther mit einem klangschönen Bariton ohne Schärfen. Als Charakterbass mit einer kauzig-rauhen Mentalität brach Igor Tsarkov als ein vom Ehrgeiz zerfressener Alberich gekonnt aus dem Reigen der „Schönsänger“ aus.

Umso gefälliger kam der Mezzosopran von Sandra Fechner mit gepflegter Artikulation über die Rampe. Claudia Sorokina brachte als Gunthers Schwester Gutrune einen in der Mittellage fein ausbalancierten lyrischen Sopran ein. Die Rollen der in Schwarz gekleideten, mit roten Handschuhen die Vorhänge bedienenden drei Nornen mit der Macht über das Schicksal der Menschen und Götter wurden von Marzia Marzo, Barbara Schöller und Silke Evers als Museumswärterinnen interpretiert; ebenso wie die Rheintöchter, die von Akiho Tsujii, wiederum Silke Evers und Hiroe Ito mit launiger Spielfreude gespielt wurden, zeigten sich beide Trios auch stimmlich auf der Höhe.

Die Übertitel wurden insgesamt dankbar angenommen, wenn in der Balance zwischen Bühne und Graben die Textverständlichkeit zu kurz kam.

Ist Hagen im Vorspiel noch in den Fängen des Vaters und der Nornen, irrten Alberich und Hagen im Finale vor der brennenden Götterburg planlos umher, doch der alles Leben verschlingende Weltenbrand ist ausgeblieben. So keimte in der Schlussszene, als der junge Hagen und Klein-Siegfried zwischen den zerstörten Vitrinen im Museum Fangen spielten, die Hoffnung auf, dass eine friedvolle Welt ohne Kriege, Hass und Zwietracht keine Utopie bleiben muss.

Die weiteren Vorstellungen sind am 9. Juni (16 Uhr), 16. Juni (15 Uhr) und 20. Juni (16 Uhr).