Kultur

Literatur Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil erzählt in seinem jüngsten Roman „Mittelmeerreise“ von einer Seefahrt, die er als Jugendlicher unternommen hat

Vater und Sohn auf einer Odyssee

Schreiben heißt Leben. Nur was man notiert und festhält, hat wirklich stattgefunden. Und nur, wenn man seine Gedanken und Wünsche mit dem Bleistift aufs Papier bringt, werden sie wahr. Jedenfalls für Hanns-Josef Ortheil. Seit Kindertagen schreibt er jeden (!) Tag auf, was ihm durch den Kopf geht, formt später aus den Aufzeichnungen Romane und Erzählungen, Berichte, Reiseabenteuer und Traumvisionen.

Seit er mit „Fermer“ (1979) als Autor debütierte, hat der 1951 in Köln geborene Schriftsteller unzählige Bücher veröffentlicht und Literatur-Preise eingeheimst. Irgendwann ist der Autor, der als Kind eine Zeitlang verstummt war und dem das Schreiben zur Kommunikation wurde, in sein privates Archiv gestiegen und hat die jahrzehntelang vernachlässigten Notizen seiner Kindheit und Jugend hervorgekramt. Nachdem er von seiner „Berlinreise“ zu Zeiten des Mauerbaus berichtete und mit kindlichen Augen durch eine seltsam aufgedrehte Stadt stolperte, lässt er uns nun daran teilhaben, was er – wieder zusammen mit dem Vater – auf einer längeren „Mittelmeerreise“ erlebte: Auf den Spuren von Odysseus schippert ein pubertierender 16-Jähriger, der sich darauf vorbereitet, erwachsen zu werden.

Sommer 1967. Während überall in den westlichen Metropolen die Studenten rebellieren und ein Geschmack von Freiheit in der Luft liegt, sitzt der vom wahren Leben noch ziemlich unbehelligte Hanns-Josef mit seinem Vater im Zug. Sie sind unterwegs nach Antwerpen. Dort wartet ein Frachter auf die Abenteurer. Das Schiff, die Kabinen, Mahlzeiten, alles ist einfach und karg, einziger Luxus ist eine Bibliothek. Sie wird zur zweiten Heimat des angehenden Autors.

Verwirrende Einblicke

Er liest sich durch die Weltliteratur und fühlt sich wie ein jugendlicher Odysseus, der allen Gefahren trotzt und viele Umwege machen muss, um zu sich selbst und heil ans Ziel zu kommen. Das Ziel ist Istanbul. Doch bis die beiden ankommen, müssen sie riesigen Wellen und fürchterlichen Seekrankheiten trotzen, sie gehen auch immer mal wieder an Land und entdecken eine Vergangenheit, die bis in die Gegenwart reicht. Lissabon und Gibraltar, Tanger und Algier, Piräus und Athen, überall warten Wunder, verwirrende Einblicke, bezaubernde Gerüche.

Natürlich kommen sich Vater und Sohn immer näher und öffnen ihre geheimsten seelischen Fächer. Und Hanns-Josef erlebt die Faszination des Erotischen. Eine junge Griechin hat sich in ihn verguckt, sie will ihn verführen, weil er so herrlich naiv ist und sich gern von einer schönen Frau in die rätselhafte Welt der Sexualität einführen lassen möchte.

Die Tagebuchaufzeichnungen seiner Mittelmeerreise collagiert Ortheil mit Notizen, die er in den Monaten danach verfertigt und in denen er seine Erlebnisse noch einmal bearbeitet hat. Außerdem stellt er noch einige Passagen aus den Notizen seines Vaters dazu. So entsteht ein Reisejournal vielfältiger Gedanken und facettenreicher Reflexion. Der Leser wird Zeuge, wie gelebtes und literarisches Leben ineinanderfließen. Es mag etwas befremdlich sein, dass ein 16-Jähriger so belesen und intelligent ist, dass seine Notizen schon alle Anzeichen einer großen literarischen Zukunft aufweisen. Aber Ortheil war halt schon immer etwas speziell und etwas Besonderes.