Kultur

Film Cinema Quadrat zeigt Nikolaus Geyrhalters „Erde“

Verschiebung von Grenzen

Der Titel von Nikolaus Geyrhalters Dokumentarfilm lautet schlicht „Erde“. Er bezieht sich auf den Planeten als Lebensraum und Ökosystem wie auch auf das organische Material mit seinen Rohstoffen. Denn im sogenannten Anthropozän, so klärt zu Beginn des meditativen Films eine Einblendung mit schier unglaublichen Zahlen auf, ist der Mensch zum Beweger von Erdmassen geworden. Er ist ein „geologischer Faktor“, der durch seine irreversiblen Eingriffe in die Natur das Antlitz der Welt unablässig verändert. Die Erschließung von Baugrund und Verkehrswegen sowie die profitorientierte Gewinnung von Rohstoffen sind die Motive dieses letztlich zerstörerischen Tuns.

Im Namen des Wohlstands

Zu Beginn jedes Kapitels blickt die Kamera aus der Vogelperspektive auf den Schauplatz und entdeckt abstrakte Muster einer Topographie, deren Krater, Erdschichten und Gesteinsformationen einer Mondlandschaft ähneln. Aus der Nahsicht trägt eine Armada gelber Bagger und Planierfahrzeuge den Grund ab oder verschiebt ihn, um im kalifornischen San Fernando Valley Baugrund für eine neue Stadt zu erschließen. „Wir versetzen Berge“, sagt der Bauleiter. Es geschehe im Namen der auf Wohlstand und Gewinnmaximierung ausgerichteten kapitalistischen Lebensweise. Es entspreche der menschlichen Natur, die Grenzen des Machbaren zu verschieben.

Wenn Geyrhalter im Folgenden die Arbeiten am Basistunnel unter dem Brennerpass, den Braunkohletagebau inmitten eines Sumpfzedernwaldes in Ungarn, die Kupfergewinnung am spanischen Rio Tinto oder auch den Abbau von Marmor in den Steinbrüchen von Carrara beobachtet, vermittelt er Faszination und Schrecken. In den langen Einstellungen und ausgetüftelten Bildkompositionen von Geyrhalter, der für seinen beeindruckenden Film auch die Kamera geführt hat, erscheint die veränderte Landschaft immer auch schön und erhaben. Diese ästhetische Ambivalenz findet seine Fortsetzung in den widersprüchlichen Gefühlen der Arbeiter.