Kultur

Kunst Mit deutschen Zeichnungen des 20. Jahrhunderts blickt das Frankfurter Städel Museum auf eine Zeit der Avantgarden

Vertreter unnachgiebiger Einzelpositionen

Ein verblüffendes Porträt: Max Beckmann hat an der Kriegsfront im April 1915 den Landsturmmann Ernst Pflanz gezeichnet – aber wie! Mal mit spitzem Stift gekritzelt, mal mit der breiten Seite des Stiftes weich modelliert. Da die meisten Linien zittrig gezogen sind und sich überkreuzen, strahlt das Bild einen nervösen Gestus aus. Dennoch wirkt der Porträtierte ruhig, nur sein prüfender Blick verrät die Anspannung.

Solch ein virtuoses Porträt gelingt nicht jedem Künstler auf Anhieb. Aber Beckmann hatte nach nur einem halben Jahr als Sanitätshelfer schon so viel Leid gesehen, dass sein Zeichenstrich immer härter wurde. Wenige Monate später ging er, vom Militärdienst befreit, nach Frankfurt und blieb dort bis zur Vertreibung durch die Nazis 1933.

Jetzt bildet das ungewöhnliche Porträt den Auftakt einer Ausstellung über den Bestand des Frankfurter Städels an deutschen Zeichnungen von 1910 bis 1990. Zu sehen sind 100 Werke von 43 Künstlern. „Das 20. Jahrhundert ist vielstimmig, widersprüchlich und extrem, auch in der Kunst. Es war ein Jahrhundert der Avantgarden, der Künstlergemeinschaften und unnachgiebigen Einzelpositionen“, so Kuratorin Jenny Graser.

Beckmann und Kirchner

„Große Realistik & Große Abstraktion“ lautet der Titel der Schau, eine Anspielung auf Wassily Kandinsky, der damit 1912 die zwei wichtigsten künstlerischen Pole der Zeit benannt hatte. Freilich besitzt das Städel weit mehr als 100 Werke von dieser Zeit der Umbrüche, rund 1800 Blätter. Am besten vertreten sind die zwei „Hausgötter“ des Museums, Beckmann mit fast 50 und Ernst Ludwig Kirchner mit 120 Werken.

Beide füllen mit einer Auswahl den ersten Saal. Auch Emil Nolde war ein Expressionist, sein seltenes Paar-Bild (1931-34) ist ein gutes Beispiel für seine glühende Farbmalerei. Aber wer vor Nolde ins Schwelgen gerät, denkt heute zugleich an seine Blindheit gegenüber den Nazis. Die Zeit vor und nach 1945 wird im Westen mit seinem Hang zur Abstraktion gut durch Ernst Wilhelm Nay vertreten, den Osten repräsentieren Hermann Glöckners vertrackte Faltungen. Insgesamt kommt die ostdeutsche Kunst mit 30 Werken in der Sammlung viel zu kurz, trotz weiterer Blätter von Gerhard Altenbourg und Werner Tübke. Natürlich sind auch die frühen DDR-Dissidenten Georg Baselitz, Gerhard Richter und Eugen Schönebeck dabei, bis hin zum erst 1980 ausgebürgerten A. R. Penck. Aber die DDR-Kunst ist nicht die einzige Lücke in der Sammlung – Frauen fehlen sogar komplett.

Ähnlich verblüffend wie Beckmanns Soldatenbild sind zwei Skizzen von Gerhard Richter aus der Zeit kurz vor und nach dem Mauerfall 1989. Richter erfasste im ersten Blatt wie ein Seismograph die Umbruchsstimmung mit einem Liniengewusel. Im zweiten Blatt vom April 1990 hat sich vieles beruhigt; der Blick in die Ferne ist verhangen, darunter steht scheinbar ein wackliger Zaun. So schlägt die Schau einen Bogen von Beckmann zu Richter, vom Realismus zur Abstraktion.

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